LMNO – Die Jesus-Rapper kommen

Interview Bianca Ludewig | Foto Oliver Bernard | Layout Georgee


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Religiöse oder spirituelle Texte gab es schon immer im Rap. Und der Dank an die Mutter oder Gott, ist sowohl beim Battle-Rap als auch beim Concious-Rap zum Standard geworden. Darüber hinaus gibt es Rapper wie LMNO, die ihren Dialog mit Gott zum Hauptthema erklärt haben und so wird jeder Track zum Gebet, jedes Konzert ist Gottesdienst. Statt Religion oder Glaube nennt LMNO es lieber „die Beziehung“. Und sorgt dafür, dass dieser Dialog in all seinen Texten widerscheint. Früher hing James Kelly mit Easy E rum und machte Battle-Raps. Aber wie ist er zum Jesus-Rapper geworden, wie war sein Weg von einem zum nächsten Extrem? Und müssen wir Rosenkränze kaufen, wenn sich Gebete immer so gut anhören, wie bei Kanye West, Dudley Perkins oder LMNO? Musikalisch könnte es bedauerlich sein, dass LMNO keine Battle-Raps mehr macht. Aber Fakt ist, dass es ihm gut dabei geht. Das liegt sicher nicht nur an seiner Beziehung zu Gott, sondern auch an Rap und vor allem wohl an der Mischung. Aber wo kommen sie geistig her, diese Jesus-Rapper und wer sind sie? Denn sie sind keine aussterbende Art, vielmehr eine wachsende Gemeinschaft. Aber vor allem sind sie auch Barometer: Es wird wieder mehr über Jesus geredet und gerappt.

Beaware: Was hast du 1999/2000 gemacht?

LMNO: Das war kurz bevor ich meine erste Platte ‚Leave My Name Out‘ bei Battle Axe machte. Mit den Visoniaries hatten wir gerade die Arbeit für unser zweites Album beendet – und ich musste einfach weg. Ich war von vielen frustrierten Musikern umgeben und wusste, dass ich nicht so werden wollte. Meine Seele war müde und brauchte eine Pause, ich hatte damals kaum Wissen über mich selbst, ich wusste noch nicht wer ich war. Deshalb brauchte ich etwas Spiritualität und Güte um mich herum, aber in LA ist das nur schwer zu finden. Deshalb ging ich für eine Weile nach Florida, um mit einer jamaikanischen Familie zu leben. Als ich zurück nach Kalifornien kam, rief mich Battle-Axe an und fragte, ob ich bei ihnen ein Album machen wollte, also ging ich nach Kanada. Während ich dort war, bekam ich einen Anruf von Linkin Park, ob ich auf ihrem Album dabei sein wollte und musste ablehnen, weil ich erst mein Solo-Album beenden wollte. Als ich zurück nach LA kam hatten sie bereits mehrfach Platin bekommen und jeder redete über Linkin Park. Meine Mutter zieht mich öfter damit auf – ob es mich nicht ärgert, dass nicht auf dem Album war. Und natürlich tut es das. Ich hatte früher schon einen Song mit Mike Shinoda von Linkin Park gemacht, lange bevor sie als Linkin Park bekannt wurden, da hießen sie noch Hybrid Theory. Es war sehr interessant ihre Erfolgsgeschichte zu mitzuerleben und ich bin stolz auf sie.

 

Wie war dein Pseudonym vor LMNO?
Juvenile! Aber nachdem ich achtzehn wurde, fragte mich meine Großmutter, wie lange ich noch ein Juvenile sein will und ich fand sie hatte einen guten Punkt erwischt. In der Nachbarschaft wurde ich immer JK genannt wegen meinem Namen James Kelly; eines Tages rief ein Kollege: ‚hey JK – LMNO‘ und ich wusste, das ist mein neuer Name: Leave My Name Out! An diesem wunderbaren Tag vielen die Vögel vom Himmel!

Die Wailers waren ja Rude-Boys, bevor sie religiös oder concious wurden. Du warst doch früher auch eine Art Rude-Boy, der dann einen ähnlichen Weg gegangen ist?

Ich dachte nicht daran, jemals mit den Wailers in einem Atemzug erwähnt zu werden (lacht). Im Gegensatz zu den Wailers hatte ich ein komfortables Rude-Boy Leben. Long Beach ist vielleicht grimey, aber nicht zu vergleichen mit Kingston und den anderen Trench Towns.

   

Deine Mutter war Hippie, wird man deshalb Rude-Boy? War deine Mutter gar nicht geschockt von NWA und dem Rap-Sound dieser Tage?

Mein Vater hatte sich aus dem Staub gemacht und es war ganz wunderbar von einer alleinerziehenden Hippie-Mutter großgezogen zu werden. Später hat sie dann nochmal geheiratet, das war eine tolle psychedelische Hochzeit. Außerdem gab es immer viel Musik: sie spielte Geige, mein Onkel Schlagzeug, meine Schwester Klavier…Sie nahm mich zu Reggae Konzerten mit, wo ich zum ersten mal B-Boys sah. Sie ist einfach eine Bombe, ein Hippie eben. Geschockt hatte sie nur, dass ich nach einem 2Live Crew/EPMD Konzert alle anderen Aktivitäten einstellte und nur noch rappte.

Und was hat es mit Dr Dre und dem D.O.C.’s „Formula“ Video auf sich?

Er war jetzt nicht mein Freund. Ich hing einfach mit seinen Kollegen rum, weshalb ich auch in diesem Video auftauchte. Ich war oft bei Easy E und ich erinnere mich besonders gut an seinen Frau Joyce, mit ihren großen Bambus-Ohringen, wie sie ihn zusammenfaltet. Sie war unglaublich cool und tight – das musste sie auch sein, denn er war ein Player und hatte immer Frauen am Start.

Wie waren deine Texte zu der Zeit?

Ignorant. Wie das eben so war, Mord war kein Problem auf Platte. Ich war einfach ein kleines Arschloch. Ein Rhyme aus dieser Zeit war: „bow bow its me the reincarnated anti-christ, highstate your church here I did it, cause I heard what he is saying, so I started spraying“. Zu dieser Zeit hasste ich die Kirche. Aber eines Tages stellte ich fest, dass ich dadurch nur noch mehr Hass produzierte.

 

Weinst du manchmal?
Ich bin eine Heulsuse! Ich vergieße ständig Schmerz- und Freudentränen: wenn jemand weint, wenn jemand lacht oder einfach nur, wenn ich ein Baby sehe.

Ist es ein Problem, dass Männer nicht weinen sollen?
Ja, das ist ein großes Missverständnis. Denn dadurch zeigen wir, was wir nicht sind. Wir sind nicht so hart und jemand der weint, kann sehr wohl gleichzeitig hart sein. Männer würden viel mehr Stärke in ihrem Umgang mit Menschen zeigen, wenn sie sich nicht so vor Tränen fürchten würden.

Warum ist es so schwer zu kommunizieren und Konflikte zu lösen?
Egal wie schwer es ist, wir müssen kommunizieren, denn Bomben schmeißen wäre keine tolle Konfliktlösung. Wie wir uns gegenseitig behandeln, ist enorm wichtig. Denn was den Menschen in unserer Nähe an Scheiße passiert, passiert auch indirekt uns selbst. Denn wir sitzen im selben Boot, sind alle eins. Wenn jemand einen schlechten Tag hatte, kann er versuchen ihn durch seine Freunde zu vergessen oder sie mit seiner Wut auch schlecht drauf bringen, dann sind alle schlecht drauf und das verbessert auch nichts. Ich mache Leute nur dann wütend, wenn ich auch bereit bin etwas zu verändern, deshalb gehe unnötigem Ärger gerne aus dem Weg. Ich habe ein dickes Fell, so dass mich die Meinungen anderer nicht verärgern können. Wenn jemand eine andere Meinung hat, ist das doch auch gut; dann lass uns diese Unterschiede teilen.

 

Gibt es wirklich so etwas wie die Wahrheit?
Wenn ich auf meinen Platten über Wahrheit rede, meine ich heute damit die Lehren von Jesus Christus, denn sie sind für mich wahr. Das auf mein Leben zu beziehen wurde für mich wahrhaftig. Ich habe mit Jesus über alles gesprochen: über Neid, Eifersucht, Hass, Herrschaft, Korruption, Heuchelei usw. Das hat geholfen, denn ich war neidisch, eifersüchtig usw., das war die Wahrheit. Man muss raus finden, warum man wütend ist und dabei ehrlich zu sich sein, dann findet man Wahrheiten über sich selbst. Die Wahrheit befreit von der Selbstlüge. Wenn ich über Wahrheit spreche, meine ich immer mich selbst. Man kann zu anderen nur wahrhaftig sein, wenn man es zuerst sich selbst gegenüber war. Bei der Frage nach der einen Wahrheit kommt es zwangsläufig zum Konflikt: Mohammeds Wahrheit vs Jesus Wahrheit vs Buddhas Wahrheit etc. Deshalb müssen wir mehr nach den Gemeinsamkeiten suchen, statt nach den Unterschieden. Wir brauchen diesen Respekt!

Ist Sexismus noch ein relevantes Thema?
Für mich auf jeden Fall, denn ich bin ein Sexist! Ich hasse es, das sagen zu müssen, aber es ist so. Es ist immer noch in mir drin. Die Frauen wurden und werden unterdrückt. Außerdem müssen sie hauptsächlich sexuell sein. So wie in der Musik, da muss man am besten Beyoncé sein, wenn man Erfolg haben will. Männer wollen alles kontrollieren: die Hunde, die Hühner, die Kühe, die Frauen, die Kinder, die Kunst, die Medien – das führt dazu, dass wir jetzt eigentlich alle kontrolliert sind. Diese Kontrolle hat uns unserer Identität beraubt, und wir haben es zugelassen. Frauen kennen einen anderen Zugang, aber wir benutzen ihn nicht. Und wir geben den Frauen auch nicht die Liebe und den Respekt der ihnen zusteht.

 

Was bedeutet der Titel deines letzten Albums – Ps & Qs, ist das ein Sprichwort?
Wenn damals eine Schlägerei in den Pubs losbrach, sagte der Barkeeper: mind your ps & qs, damit meinte er die Pints & Quarts. Wenn also dein Drink umgehauen wurde, warst du selber schuld, weil du nicht darauf geachtet hast und musstest ihn bezahlen. Meine Großmutter sagte das immer zu mir, wenn sie sagen wollte: ‚obacht‘! Es ist wichtig geistesgegenwärtig zu sein, sonst muss man zahlen…Da ich mich verändert habe, wollte ich mal ein Album machen, das mich auf meinen Ps und Qs zeigt und ausdrückt, was es für mich bedeutet, seine Sinne beisammen zu haben.

Was bedeutet Spiritualität für dich?
Ich nenne mein Ding Religion vs Beziehung. Denn du kannst eine Beziehung zu Gott haben, ganz ohne Kirche. Die Kirche versorgt dich mit Strukturen und einem Mittelsmann. Aber du brauchst diesen Vermittler nicht, du kannst ganz direkt zu Gott sprechen. Ich möchte nicht, dass meine Zeit mit Gott kontrolliert oder reguliert wird. Deshalb sehe ich mich auch nicht als religiös oder philosophisch, ich habe einfach nur diese Beziehung.

       
     

Wie wirst du deine negativen Gedanken los?
Durch Rap und durch das Gebet. Ich bitte Gott die negativen Gedanken ziehen zu lassen. Einfach alles andere ausschalten und die Verbindung herstellen. Gebete sind kraftvoll und funktionieren. Gerade weil es so viel Leid gibt, brauchen wir Heilung und Entlastung.Deshalb mag ich den Rasta-Ausdruck ‚to overstand‘, das heißt soviel wie über einer Situation zu stehen; um sie dann wirklich zu sehen, nicht nur unseren eigenen Standpunkt. So können wir auch andere Meinungen erkennen und schätzen.

Wo siehst du eine Verbindung von HipHop zu Gott?
Es gibt einen großes Drängen unter den Rappern ihre Beziehung zu Gott mit HipHop zu verbinden. Alle wissen etwas über Gott, aber nicht jeder weiß etwas über die Beziehung. HipHop kann diese Beziehung vermitteln. Sowohl Musik, als auch Gott kann einem helfen. So haben mich die Texte von Sadat X beeinflusst und ich hörte auf Schweinefleisch zu essen. Und ein Konzert kann zum Gottesdienst werden. So fragt Dudley oft das Publikum vor der Show: „Seid ihr bereit für den Gottesdienst?“ Und es hat auch etwas davon. Wir sprechen Gebete, heben Hände, bewegen unsere Körper, klatschen…Deshalb mag ich auch Gospel-Musik. So verbindet HipHop Menschen, wie in diesem Gespräch, God bless HipHop!

 

Bist du ein Prediger?
Nein, auf keinen Fall. Ich will niemandem etwas vorschreiben. Wenn ich in meinen Raps sage: „mach das nicht“, achte ich immer darauf, dass es sich nur auf mich selbst bezieht.
Wenn das aber jemandem zum nachdenken bringt, ist es wunderbar; denn ich möchte mehr vermitteln, als eine Anleitung zum Schießen oder zur Waffenpflege.

Was machen die Essgewohnheiten? Du hörtest auf Schweinefleisch zu essen – was isst du jetzt?
Ich hörte dann auch mit Rind, Huhn oder Fisch auf. Jetzt esse ich Tofu und es fühlt sich gut an. Außerdem hatte ich in meinem dritten Jahr als Vegetarier eine komische Vision, als man mir versehentlich einen Beef-Burger gab. Die Kuh fing an mit mir zu sprechen, und zeigte mir ihren Weg bis zum Burger. Ich rede aber nicht gerne darüber, denn ich will niemanden überzeugen, ich wollte einfach nur für mich diese Veränderung machen.

Erzähl mir etwas über das neue Visionaries Album, das jetzt rauskommt…

Es heißt: „We are the ones we have been waiting for“. Der Titel kommt aus einem Hopi-Indianer Gedicht. Es beschreibt eine Erfahrung, die wir gerade gemacht hatten. So wollten wir schon immer mit Jurassic 5 und Dilated Peoples auf Tour gehen, aber es passierte nie. 2006 merkten wir, dass warten nichts bringt und dass wir die Tour selber organisieren müssen, wenn das unser Wunsch ist. Sobald wir diesen Gedanken verstanden hatten und unser Leben in die Hand nahmen, fingen die Dinge an sich zu verwirklichen. Die Tour wird also kommen!

www.upabove.com

www.myspace.com/lmno

lmno-stuff bei youtube

Das Interview ist vom Herbst 2006, gekürzt erschienen
im WestCoast-Special der Backspin #81.
Fotos:Bianca Ludewig, Oliver Bernard, Upabove, Worldwideweb
Autor: Bianca Ludewig

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