Für immer Bern-Deutsch rappen

Seit zehn Jahren haben sich eine Handvoll Berner ihre Welt jenseits von Alltag und Verpflichtungen aufgebaut, sie heißt: Wurzel 5. Hier braucht man Cuba Libre zum Rap, lebt Jagdinstinkte aus, erhebt Unproduktives zum Kult und nimmt sich selbstironisch ernst. Auseinandersetzungen werden kurz und explosiv gestaltet. Ihr Humor ist so charakteristisch wie Dialekt oder Beats. Mit Baze und PVP gründeten sie 1999 die Chlyklass, eigentlich als Zweckgemeinschaft, doch die Crew übertraf die eigenen Erwartungen. Zu elft wurden Kräfte gebündelt und die Paradies-Insel ausgebaut. Das honorierten die „Swiss Hip Hop Music Awards“ im Oktober und prämierten Baze als besten Solokünstler und „Teamgeist“ von Wurzel 5 als bestes Album.

Text Bianca Ludewig | Foto www.chlyklass.ch | Layout Gizmo


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Teamgeist“ ist ihre dritte LP. „Beim neuen Album sind wir schon nachdenklicher geworden“, meint Baldy, Ex-DJ und Manager von Wurzel 5. Aber eigentlich waren sie schon immer nachdenklich, nur dabei eben lustig. Baldy hat drei Kinder, die ein paarmal die Woche bei ihm sind und kreativ beschäftigt werden, doch mit Diens, Tiersch, Serej und Link sind es eigentlich sieben Kinder, die er über die Woche auf sein Leben verteilt. Diens findet, dass Selbstliebe im Hip-Hop einen besonderen Stellenwert hat und deshalb nichts Schlechtes ist. Baldy gibt zu Bedenken, dass Eigenliebe auch sonst nicht schlecht sei: „ Wenn ich dauernd an mir zweifeln würde, wäre ich sicher nicht der glückliche Mensch, der ich jetzt bin.“ Wenn sie ihre Wurzel-5-Welt verlassen, werden sie zu Studenten, Lehrern oder Plattenverkäufern, die ihr Geld vorwiegend in Essen, Musik oder Videogames investieren. Mit anderen Worten: Die Situation ist normal. Dennoch sehen sie sich außerhalb der Gesellschaft: „Es braucht schon noch Leute, die sich versklaven und im System bleiben, die anders sind als wir. Sonst wäre das ja Anarchie. Wir danken all diesen Leuten“, erklärt Baldy.
In ihren Texten plaudern sie aus dem Nähkästchen auf ihre selbstironische Art: „Wir nehmen uns nicht allzu ernst. Man sollte einfach nicht zu stur sein, um noch über sich selbst lachen zu können“, so Diens. Das Liedgut der Rapper vom Obstberg ist amtlich und erheiternd. Ja, es ist wahr, man versteht sie nicht immer – deshalb haben sie ein paar Wörter erklärt. So bedeutet „item“, dass man wieder zum Wesentlichen zurück will, wenn jemand abgeschweift ist. Und „hersh“ signalisiert im Chlyklass-Slang, dass man weiß, was gemeint ist. Während sie auf ihrem ersten Album „Jugendsundä“ schon Aufmerksamkeit bewiesen und beschrieben, wie man ohne halbe Sachen und mit offenen Augen durch die Welt geht, wettert man auf „Verdächtig“ schon gegen die, die immer nur meckern und vom Auswandern reden: „Die stehen dann mit 60 auf dem Balkon und spannern das Quartier aus. Die sollen aufhören mit ihrem Geklöne und auch mal zufrieden sein oder eben auswandern“, so Diens. Auf Teamgeist bekommen schließlich alle – von Gesellschaft bis Politik – ihr Fett weg, sie selbst natürlich eingeschlossen. Aber egal wie schlimm es kommt, die Quintessenz bleibt, dass es immer wieder aufwärts geht. Bärn City bleibt in Bewegung.

„Wir nehmen das in Kauf, denn wir wollen auf Bern-Deutsch rappen. Es gehört sich einfach nicht, auf Hochdeutsch zu rappen, es fühlt sich komisch an.“

Im Spektrum ihrer eigenen Erwartungen haben sie ihren Zenit als Musiker schon mehrmals überschritten und erleben es als Überraschung, dass man sie immer noch hören will. Das ist allerdings doch zu viel der Bescheidenheit, denn diesen gewissen wortwitzigen Charme versprühen sie, obwohl man ihre Texte nicht zwangsläufig versteht, auch wenn die Sprache uns eine Verwandtschaft signalisiert. Wurzel 5/Chlyklaas haben auch viele lustige Videos, die durch den großen Zugriff nun mit einem Runterladestopp geblockt werden mussten.
In puncto Dialekt-Paranoia nehmen Wurzel 5 es gelassen, sie haben sich damit abgefunden, dass Deutschland ihnen nicht zuhört: „Wir nehmen das in Kauf, denn wir wollen auf Bern-Deutsch rappen. Es gehört sich einfach nicht, auf Hochdeutsch zu rappen, es fühlt sich komisch an. Ich werde oft gefragt, warum wir da so fixiert drauf sind, aber es ist eben ein Lebensgefühl. Trotzdem ist es nicht so, dass wir nicht an Deutschland interessiert wären, sondern umgekehrt“, meint Diens.
In ihrer Welt grenzen sie sich von Menschen, Gedanken, Ideen und Dingen ab, die sie nicht ausprobiert haben müssen. Gefühl, Einstellung und Informationen geben die Richtung an. Man nehme noch fette Beats dazu und erhält die Welt von Wurzel 5! Schade nur für Deutschland.

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