Wer bestimmt, was Hip Hop ist?

Text | Foto Bianca Ludewig | Layout Gizmo


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Where My Girls At? Fragten Caynd aka Clara Völker – Initiatorin von femalehiphop.net und rund dreißig Mitstreiterinnen und Helfer eine Podiumsrunde und etwa vierhundert Leute im Publikum. Femalehiphop.net existiert seit etwa einem Jahr und ist ein Internetnetzwerk für HipHop-Aktivistinnen und alle anderen die es sonst noch interessiert. Im März veranstaltete femalehiphop.net ein ganztägiges Event in Berlin: Female Flava – mit Workshops, Film, Konzerten und eben Diskussion. Und diese zeigte vor allem eins: dass die HipHop Szene in ihrem Denken und Verhalten konform mit der Gesellschaft bleibt. Es geht zurück, in die Zukunft.

„Als Typ wird man nicht so runtergemacht wie als Frau – vor allem nicht, weil man ein Mann ist. Als Frau bietet man mehr Angriffsflächen“

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Wichtig war den Veranstalterrinnen die Zusammensetzung des Podiums: „Wir haben uns bewusst für ein Podium mit Männern und Frauen entschieden. Denn wir glauben, dass es keinen Sinn macht über die Situation von Frauen im HipHop nur mit Frauen zu sprechen. Polarisierende Positionen können auch produktiv sein“, so Clara. Schwierig war auch die Wahl der Moderation. Eine Moderatorin kam nicht in Frage, da: „uns keine kompetente Frau dafür eingefallen ist. Aber da HipHop zu großen Teilen aus Männern besteht, macht es vielleicht mehr Sinn, auch als Moderator einen Mann zu haben“, erläutert Clara. Die Wahl fiel letztlich auf Markus Staiger von Royal Bunker: „Wir wollten lieber einen kontroversen Moderator und eine provokative Diskussion. Bei der Meinungen auch anecken und klar wird, was für unterschiedliche Positionen es in der Szene gibt“. Ein relevantes Kriterium für die Lizenz zum Diskutieren war zudem, dass aus vielen HipHop-Bereichen Vertreter und Aktivistinnen aufs Podium kamen. Deshalb gab es Rap-, Breakdance-, Business- DJ- und Journalismus-Vertretungen. Und ein weiterer Aspekt schien Sinn zu machen: „Wir wollten auch jemanden dabei haben, der sich theoretisch und intellektuell mit Hip-Hop auseinander setzt. Deshalb haben wir Dr. Albert Scharenberg von der Uni-Berlin auf das Podium eingeladen. Er hat seine Dissertation über HipHop geschrieben und kennt sich sowohl sehr gut mit Feminismus-Theorien, als auch mit Herrschaftsverhältnissen aus. Seine innen-aussen Position zu HipHop hätte der Diskussion neue Impulse geben können…“

Hätte, passieren, können. Wenn nicht alle Beteiligten die unterschiedlichsten Voraussetzungen gehabt hätten. Weshalb die einen über Birnen und andere über Äpfel geredet haben. Und es wurden von einigen Männern immer wieder uralte Floskeln ernsthaft vorgetragen, die dann verbal abgelaufen werden mussten: Ist der Erfolg bei Frauen und Männern im HipHop nicht der gleiche, sind sie ergo nicht genauso gut. Deshalb betonten viele der Frauen vielleicht auch gebetsartig: „… es ist 2005!“ Die pragmatischen Verbesserungsvorschläge kamen mal modern neoliberal: Frauen müssten als Konsumentinnen mehr Frauen-Platten kaufen. Oder Frauen sollten Überwechseln, in andere für sie besser zugängliche hiphop-nahe Bereiche – wie Mode und Cheerleading. Oder auch reaktionär bis konservativ: Die Frauen sollten zu ihrer wahren Weiblichkeit zurückfinden. Das zwang die auf dem Podium anwesenden Frauen oft dazu, sich an Irrelevantem abzuarbeiten. Dieses Aussitzen kennt man aus der Politik. Clara fasste es so zusammen: „Diese Gedankenstrukturen die da zu Grunde liegen, gehen doch sehr tief. Und es ist oft eine Art pseudo-fortschrittliches Denken, dass den Frauen vermitteln soll, dass ihnen zwar ein kleiner Raum zugestanden wird, aber eben unter der Bedingung, dass sie weiterhin nicht als gleichwertig anerkannt werden.“ Ergiebiger waren deshalb oft die Gespräche außerhalb des Podiums; mit den Mädels die Workshops gegeben haben oder aufgetreten sind. Zusammen mit einigen Aussagen der Diskussionsrunde mixte sich doch noch ein interessanter Cocktail.

Jolie – die auch einen Workshop leitete – ist Writerin aus Berlin und malt seit neun Jahren. Nicht so schön fand Jolie ihre frühen Erfahrungen beim Malen. Denn: „als Typ wird man nicht so runtergemacht wie als Frau – vor allem nicht, weil man ein Mann ist. Als Frau bietet man mehr Angriffsflächen.“ Allerdings treten diese eher negativen Erfahrungen mit den Jahren der Praxis in den Hintergrund. Mit der Zeit hat sie sich ihre Leute gesucht, die sie akzeptieren und supporten. Und sie geht sowohl mit Frauen als auch mit Männer malen. Allerdings gibt es von den ersteren einfach nicht so viele. Stigmatisierungen wie ‚Fame-Bitch‘ werden immer wieder rausgeholt und zehren an den Nerven der Writerinnen. Und das kann eine werdende Malerin schon abturnen: „Durch die ganzen Sticheleien von den Jungs haben viele aufgehört. Meine Freundinnen auch, denen wars irgendwann einfach zu blöd. Mag sein, dass es den Typen nicht immer bewusst ist, dass sie einem Sprüche reinreichen, aber der Sexismus ist da, keine Frage…“ Immerhin kennt Jolie einige wenige Frauen, die selbst trotz Kind weiter malen, sogar illegal – auch wenn das eine Seltenheit bleibt.

Die Breakerin Moane 81 von den Dirty Mamas, die auch einen Workshop machte und die B-Girl Champs 2004 mitorganisierte, sieht in der Wahrnehmung ein Hindernis: „Es sind ja Frauen da, aber sie werden in der Öffentlichkeit nicht gesehen. Und eben dafür gibt es jetzt Femalehiphop oder die B-Girl Champs.“ Wichtig war allen Frauen, dass es nicht darum geht Frauen zu hypen, sondern um die Sache. HipHop! Und die braucht aus weiblicher Sicht eine Balance: „Es geht hier nicht um Seperatismus, sondern um Ausgleichung“, sagt Karin Offenwanger von Subotage. Und Kiwi Menrath, Mitveranstalterin und Verfasserin eines Buches über Identitäten im HipHop betont den Netzwerkgedanken, der hinter female-hiphop.net und der Veranstaltung steht: „Wir wollten uns bekannter machen und andere Frauen treffen, um uns weiter vernetzen.“ Auch die Podiumsrunde erkannte dies während der Diskussion als einen wichtigen Punkt. Moderator Staiger und Dr. Albert Scharenberg – erwähnten öfter, dass die Netzwerke eine wichtige Rolle spielen: „HipHop ist herrschaftsdurchtränkt. Und es gibt jede Menge informelle Netzwerke. Die Männer sind viel besser darin, schließlich haben sie Jahrhunderte an Erfahrungen und der öffentliche Raum war immer ihr Raum. Aber darum geht es nicht. Wenn neun von zehn Personen Männer sind, dann bedeutet das doch was, das ist doch nicht bedeutungslos“, erklärte Scharenberg dem Podium schon fast verzweifelt. Staiger: „Also müsste man dafür sorgen, dass nicht acht von zehn Personen Männer sind. Sondern dass es nur noch fünf sind, oder sechs.“

„Rap ist auch nicht intelligent. Wir bewegen uns nun mal in einer Kultur die all diese negativen Seiten hat.“

Schade, dass keiner der Anwesenden eine Sieben geboten hat. Auch um Staiger zu signalisieren, dass es nicht an mangelndem Humor liegt. Denn er hatte sich Mühe gegeben, trotz allem witzig zu sein. Wäre Sokee von Springstoff dabei gewesen, hätte sie vielleicht jemanden zum lachen gebracht. Aber die Berlinerin hat eben keine Lust auf solche Diskussionen: „Ich glaube, je mehr man diese Sache thematisiert, umso weniger förderlich ist es. Die, die es begriffen haben, akzeptieren Frauen sowieso. Und die anderen wird man mit so einer Veranstaltung nicht erreichen.“ Sokee rappt noch nicht so lange. Seit ungefähr drei Jahren. Aber sie denkt schon länger als die Meisten: „Nimm den Holocaust als ein Beispiel. Während da Überlebende sitzen und erzählen, schmieren tatsächlich immer wieder Idioten Hakenkreuze irgendwo hin. Daraus schließe ich, dass es nichts bringt, wenn keine Offenheit dafür da ist – oder Blödheit regiert.“ Ihre Schulbildung fand sie nicht ausreichend. Deshalb ist ihr die Uni momentan wichtiger als das Rappen. Sokee studiert Gender-Studies und germanistische Linguistik: „Gender Studies beschäftigt sich mit Geschlechterrollen und Geschlechterbildern auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Wie sie produziert und vor allem immer wieder reproduziert werden. Gender differenziert nicht zwischen dem biologischen und kulturellen Geschlecht. Dabei geht es nicht nur um Frauen, sondern auch um die Männer“, erklärt Sokee. Feminismus ist für sie einfach ein reflektierter selbstkritischer Umgang mit dem Thema: „Darüber was gesellschaftlich funktioniert oder funktionieren soll.“

Für die meisten Männer und Frauen, auch jenseits von HipHop, ist Feminismus eher eine verkrampfte Opferangelegenheit. Auch für DJ Fresh Fluke, die mit Caynd den DJ-Workshop machte: „Den Kampf-Feminismus der 80er Jahre müssen wir auch endlich mal hinter uns lassen“, findet sie. Stattdessen rät sie dazu, den Allein-Unter-Männern Status mehr auszuschöpfen: „Wir sollten unseren Exotenstatus nutzen.“ Was sie später noch konkretisierte: „Ich hab lieb ‚bitte bitte‘ gesagt und Staiger hat mich am Royal Bunker-Stand auflegen lassen. Er hätte auch einen Typen nehmen können.“ Oft haben Diskussionen Momente kollektiver Planlosigkeit. Man ist sich nicht mehr sicher, worüber geredet oder verhandelt wird. Davon gab es einige Momente. Ein rotes Tuch war für viele Frauen eindeutig der Begriff „female“. Pyranjas persönliches Unwort: „Warum gibt es den Begriff Frauen-Rap oder Female MC? Das zeigt doch schon alles. Das ist einfach das allerletzte!“ Sokee kann es auch nicht gut haben, wenn Männer das ‚F-Wort‘ benutzen. Sokee verliert selten den gesellschaftlichen Bezug und sieht auch viele Frauen in einer Art Mittäterschaft: „Es ist falsch, immer nur die Männer zu verteufeln. Und ich finde es immer schade, wenn es heißt, Hip-Hop ist so sexistisch. Denn HipHop hat Sexismus nicht erfunden.“

Sinaya ist Rapperin und Breakerin – sie performte auf der Bühne, nicht auf dem Podium. Außerdem lernt sie Audioassistentin. Da sie in ihrer Klasse das einzige Mädchen ist, bestätigt sie, was schon der Produktionsworkshop zeigte: Die Kombination Frauen und Technik bleibt unpopulär. Sinaya kommt aus Mexico und viele ihrer Texte handeln von Machos. Obwohl sich die Kritik der Berlinerin an ein allgemeineres Phänomen richtet: „Ich finde, dass sich Frauen ruhig mehr das Recht nehmen sollten, über solche Macho-Typen zu rappen. Aber mit mehr Stil, als es die Männer tun!“ Sexistische Sprüche nerven zwar, können Sinaya aber nicht mehr verunsichern: „Ich habe mir viele Sprüche anhören müssen und kämpfe bis heute noch mit ihnen. Aber heute ist es anders als mit siebzehn: Ich weiß, was ich will! Es geht auch nicht, sich 24/7 damit auseinander zusetzen, da würde ich gar nicht zum Rappen oder Breaken kommen!“ Vielleicht ist genau das ja eine unterbewusste Triebfeder für diese klassischen ‚Sprüche‘, die immer Saison haben? Doch bei den meisten Aktivistinnen zeigte sich eine gesunde Gleichmütigkeit in Bezug auf solche Taktiken. Auch bei Sinaya: „Am Liebsten hätte ich es, wenn wir uns nicht ständig auf unsere Geschlechtsteile minimieren würden. Aber das wird dauern! Man muss nur mal auf unsere Gesellschaft schauen: Päpste, Kanzler, Präsidenten, Vorstandsvorsitzende etc – dann der Umstand, dass die Frau weniger verdient als der Mann… Dass sich da noch was verändert, werde ich nicht mehr erleben.“ Das leidige Thema Battlerap und damit auch konkret Staiger und sein Label – weil Spaiche von Aggro leider absagen musste – wurde in der Diskussion erst vom Publikum angesprochen: „Ihr verkörpert ein sexualisiertes Frauenbild, das nicht nur vereinfachend, sondern auch verachtend ist. Da wird mir als Frau eiskalt, wenn ich das höre. Es ist schade, wenn Sexismus und Rassismus unterschiedlich bewertet werden, denn für mich ist es das Gleiche.“ Daraufhin erinnerte Staiger, dass Rap nicht demokratisch ist: „Und Rap ist auch nicht intelligent. Wir bewegen uns nun mal in einer Kultur die all diese negativen Seiten hat.“ Für Sokee ist das Problem eher ein Mangel an Ehrlichkeit: „Wenn einer in seinem Text schreibt: ‚Ich bin King Dingeling‘, heißt das noch lange nicht, dass er es ist. Das macht HipHop leider oft auch so lächerlich. Und dieser ganze unseriöse Schnickschnack schreckt auch fitte Leute ab. Was Schade ist, denn für mich ist Rap die perfekte Kommunikation.“ Unterm Strich fand Clara zwar: „dass der Stand dieser Dinge im HipHop doch sehr rückschrittlich ist, aber insgesamt war die Diskussion insofern erfolgreich, als dass auch diese Defizite mal explizit zur Sprache gekommen sind. Es war uns wichtig, auch diese quasi blauäugig-sexistische Sichtweise aufzuzeigen.“ Es waren auch Leute aus unterschiedlichen Zusammenhängen dabei – darunter nicht nur viele Frauen, sondern ebenso viele Männer.“ Aber selbst den positivsten Zukunftsprognosen mangelte es an Euphorie. Die hat irgendwie kaum einer oder eine mehr bei dem Thema aufbringen können: Die einen Wissen dafür zu viel und die anderen zu wenig. Dadurch bewegt sich kaum etwas: Wenn Karin Offenwanger davon spricht, dass „hier nach wie vor mit zweierlei Maß gemessen“ wird, bringt Staiger Schwanzlängen-Standards. Dabei sollte eine Kultur doch nicht nur energetisch, sondern auch dynamisch sein. Das fand zumindest Breaker und HipHop-Urgestein Storm: „Es ist wichtig von diesem Leistungsdenken weg zu kommen. Denn jeder hat seinen Platz im HipHop.“ Also weniger die Kraft und mehr den Ausdruck bestimmen lassen. Das war einer der Punkte, die quasi Konsens erreichten. Scharenberg bemühte sich, die Messlatte der Ansprüche etwas höher anzusetzten: „Man könnte ja auch versuchen, innerhalb der eigenen Kultur ein bisschen besser zu werden als die verdammte Gesellschaft“. So könnte es Reibung geben und spannend werden. Aber eben auch schwierig: „Dabei muss klar sein, dass es Konflikte geben wird und dass man die auch durchstehen muss.“ Das hört sich für viele zu anstrengend an. Deshalb gehen wir immer wieder bei unserem Kollektiv-Monopoly zurück zum Start. Mit diesem Text ist es genauso. Und Storm erinnert an den Titel und bringt uns zum Anfang zurück. Denn dieses Thema ist nicht nur ein Boomerrang, sondern auch eine Endlosrille: „Es hat sich nichts verändert. Hip-Hop ist nach wie vor eine Männerdomaine und deshalb bestimmen die Männer nach wie vor was HipHop ist und was nicht.“

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