Backspin trifft… Mike Patton vs. Executioners

Interview Bianca Ludewig

Dieses Mal geht es um eine Begegnung der besonderen Art: Mike Patton hat endlich sein erstes Hip-Hop-Experiment releast. Schon Patton’s Highschool-Band Mr. Bungle erlangte einen gewissen Kultstatus. Später genoss er als Frontmann der Rockband Faith No More Weltruhm. Beide Bands sind inzwischen Musikgeschichte. Es folgte eine Zeit voller individueller Entfaltung, in der Patton sich zunehmend seine eigene Definition vom Musiker-Leben zusammenschusterte. Dazu gehört sein eigenes Label Ipecac, als heimeliger Hafen für seine musikalisch-eklektischen Exkursionen und Kollabo-Projekte. Dort treffen innovative Klangszenarien auf skurrile Noise-to-Noise-Connections. So versucht er mal mit seiner Gruppe Fantomas einen Comic zu vertonen oder macht sich daran, die Soundtracks von Horrorfilmen neu zu erfinden. Hinter dem Namen Fantomas verbergen sich wahre Meister der musikalischen Präzision, dasselbe gilt für Mike’s Band-Projekt Tomahawk. Auch Björk wäre als populäre Referenz zu nennen. Patton liebt eben Skillz, weshalb er schon länger ein Auge auf Hip-Hop geworfen hat. Und es wurde auch schon geflirtet. Mit D-Bert, Kid Koala oder Dan The Automator. Die Liste der musikalischen Projekte, die Patton haupt- und nebenberuflich sowie als Hobby verfolgt, ist lang. Aber das Ganze ist kein wahlloses Durcheinander, sondern seine musikalische Philosophie. Das im Februar erschienene Album „General Fetten vs. X-ecutioners“ ist für einige das aufregendste Geschenk, das Hip-Hop seit langem gemacht wurde.


Download PDF


„Heutzutage hat Hip-Hop mehr mit Fashion als mit Musik zu tun. Diese Trends überschatten häufig die gute Musik.“

patton

BACKSPIN: Ich hatte früher oder später auf so eine Zusammenarbeit gehofft, deshalb bin ich froh, dass das Album jetzt draußen ist Was denkst du über Turntablism?

PATTON: Ich denke, dass mit Turntables viel gemacht werden kann, und es sind viele talentierte Leute da draußen. Ich wollte schon seit sieben Jahren eine Platte mit Turntables machen. Aber es dauerte eine Weile, bis ich die richtigen Leute gefunden hatte. Ich habe in dieser Zeit mit vielen DJs gespielt, aber mir stand der Sinn nach einer besonderen Connection. Nach
Leuten, die ein Abenteuer suchen. Ich wollte keine Turntablist-Platte machen, die wie jede andere da draußen ist. Ich wollte ein Album mit einer speziellen Energie und einem anderen Organisationssystem.

BACKSPIN: Warum hast du dich für die X-Men entschieden?

PATTON: Ich habe mit vielen guten Leuten gespielt – mit O-Bert, den Scratch Picklz, mit DJ Disc oder den Space Travellers. Ich habe studiert, was die DJs tun, und auch viel von ihnen gelernt. Aber ich suchte nach einem besonderen Funken, nach einer gemeinsamen musikalischen Sprache. Das ist beim Improvisieren sehr wichtig. Daran merkt man, ob der andere zuhört und
einen versteht. Insgesamt waren sie einfach die beste Kombination aus technischen Fähigkeiten und OldschooI-Sensibilität. Und sie waren definitiv bereit für etwas Neues und Anderes.

BACKSPIN: Was denkst du über Hip-Hop?

PATTON: Heutzutage hat Hip-Hop mehr mit Fashion als mit Musik zu tun. Diese Trends überschatten häufig die gute Musik. Aber das ist in vielen Genres so. Es gibt viele Produkte an der Oberfläche, die es nicht wert sind, konsumiert zu werden. Und es gibt die aufregenden Sachen, die man suchen muss. Man muss tief graben und sich die Hände schmutzig machen.

BACKSPIN: Warst du dir des Potenzials von Hip-Hop immer bewusst?

PATTON: Ja, gerade beim Turntablism. Plattenspieler für einen Bandsound zu nutzen, war lange ein Ziel von mir. Es ist ein so kraftvolles Instrument, das scheinbar kaum in dieser Richtung genutzt wird. So schnell, wie sich die Nadel bewegen lässt, kann man auch die Genres wechseln. Einfach ein sehr wendiges Instrument. Und ich glaube, dass es in diesem Sinne nicht genug
zur Geltung kommt. Es wird hauptsächlich zu sportlichen Wettbewerbszwecken genutzt. Aber so stellt man die Musik hinter die Skills. Ich wollte beides gleichwertig verbinden – nicht unbedingt durch meinen Einfluss als Sänger, mehr als Producer-, und so auch meine Liebe zum Turntablism zeigen.

BACKSPIN: Wie sind die Aufnahmen zustande gekommen? Ward ihr live im Studio?

PATTON: Wir waren nicht für eine Minute gemeinsam im Studio. Wir haben bei ein paar Gigs gemeinsam improvisiert, aber als es Zeit wurde, die Platte zu machen, hatte ich eine bessere Idee. Ich gab den X-Men einen Stapel Platten aus meiner Sammlung und ein paar Anweisungen dazu. Geräusche und Genres, die ich hören wollte, um mit Klischees zu spielen. Plus einer ganzen Reihe von Platten, an die sie nicht gewöhnt waren. Ich habe ihnen so eigentlich nur die Richtung gezeigt und gesagt: „So!”

BACKSPIN: Was für Platten hast du ihnen gegeben?

PATTON: Zum Beispiel die „Italian Music Library“. Diese Musik soll ein Irrenhaus vertonen, inklusive Angst und psychologischer Folter. Dann ein paar Platten über den 2. Weltkrieg und klassische Musik, wie etwa Orgelstücke des Komponisten Kegel. Insgesamt vielleicht 70 Platten. Dazu gab ich Parameter vor. Das haben sie in Blocks aufgenommen und mir geschickt, und ich habe dann Instrumente und Gesang eingespielt, es arrangiert und abgemischt.

BACKSPIN: Cover und Inhalt sind wie ein Videogame oder ein strategisches Brettspiel aufgebaut. Soll das etwas suggerieren oder auf eine Battle-Platte hinweisen?

PATTON: Wir sind wahnsinnig auf die Idee abgefahren, dass das Ganze eine BattIe-Scheibe darstellt. Daraus entstand das Cover-Konzept. Weil es keine Battle-Platte ist. Es sind einfach wir, die mit diesem Genre Spaß haben. Denn offensichtlich findet hier kein Battle statt. Es ist auch kein DJ-Tool im klassischen Sinne. Wir machen ja zusammen Musik. Aber ich dachte, es wäre amüsant, wenn Leute diese Platte als Battle-Platte wahrnehmen würden. Denn schlussendlich ist es eben anders.

BACKSPIN: Kannst du beschreiben, was für eine Art Musik ihr hier kreiert. Was war deine Idee oder das Konzept?

PATTON: Ich wollte eine Sound-Clash-Platte machen, wo zwei Welten und zwei Hintergründe aufeinander treffen. Manchmal harmonisch und andere Male eher aggressiv. Ich wollte reichlich scharfe Kanten und viele Genre-Fetzen mit Cut-and-Paste-Wahnsinn. Dazu Beats und ein bisschen spaßige Battle-Atmosphäre. Und reguläre Songs in einem Pop-Format. Es geht nicht darum, Leute auf die Tanzfläche zu bekommen. Insgesamt sollte die Platte einfach ein lustiges Hörvergnügen sein. Am Ende des Tages ist es für mich einfach ein Hammer-Partyalbum!

BACKSPIN: Die meisten deiner Platten sind ja nicht unbedingt chart- oder massenkompatibel. Für wen hast du nun die aktuelle Platte gemacht? Wer soll sie mögen?

PATTON: Ich mache grundsätzlich keine Platten für andere Leute. Ich habe vor langer Zeit gelernt, dass du dir nicht aussuchen kannst, wer deine Musik hört. Es ist wie mit Familie, sie ist einfach da. Doch tief in meinem Musikerherzen hoffe ich, dass Hip-Hop-Leute diese Platte hören werden. Denn dies ist unter keinen Umständen eine straighte Platte – ich betrete eine andere Welt. Und ich glaube, dass gerade die Hip-Hop-Welt mit ihrer Gleichmacherei es braucht, gefordert zu werden. Interessantes sticht hervor, wie ein wunder Daumen. Und ich hoffe, dass unsere Platte auch so wahrgenommen wird. Dies ist keine Noise-Platte mit Turntables. Hier passiert viel mehr! Wenn ich mir eine Gruppe aussuchen und zum Hören zwingen könnte, dann die Hip-Hop-Headz.

BACKSPIN: Du hast auch mit Rahzel gearbeitet. interessiert dich Beatboxen?

PATTON: Mehr als das 8eatboxing hat mich Rahzel selbst fasziniert. Denn er ist die Beatbox. Er ist einfach eine unglaubliche Naturgewalt. Wir beschlossen, irgendwann was zusammen zu machen. Es dauerte ein paar Jahre, aber dann haben wir tatsächlich ein paar Gigs gemacht. Und das war einfach ein Burner. Er ist so ein außergewöhnliches Talent und unglaublich im Improvisieren. Jeder Knochen seines Körpers ist Musik. Er hat mehr Musik in seinem kleinen Finger als andere Musiker in ihrem ganzen Körper.

BACKSPIN: Ich kann mir vorstellen, dass du selber Rappen und Beatboxen könntest. Warum tust du es so selten?

PATTON: Alles, was ich versuchen würde, wäre lange nicht so pur, so unverfälscht. Klar kann ich auch was in der Richtung, aber es klingt einfach nicht richtig. Man hört, dass ich es bin. Es hat sofort diesen verdrehten freakmäßigen Sound. Es klingt immer etwas Verrücktes durch.

BACKSPIN: Wird es eine Platte mit Rahzel geben?

PATTON: Ja, wir müssen nur noch rausfinden, wie wir es machen wollen. Ich denke, wir werden uns einfach live aufnehmen, denn das haben wir bis jetzt am besten gemacht.

BACKSPIN: Erzähl uns von deinem „Peeping Tom“-Proiekt mit Dan The Automator.

PATTON: Statt mit verschiedenen Bands zu arbeiten, wollte ich auf dieser Platte mit unterschiedlichen Producern arbeiten. Es ist eine Art Exkursion in die Pop-Welt. Viele haben eine Art Hip-Hop-Background wie Dan The Automator, DJ Muggs oder die Jungs von Cloud Dead. Außerdem sind die Avalanches, Amon Tobin, Massive Attack, Bill Laswell oder auch Richard Devine dabei. Ich habe schon genug Material für zwei Alben.

BACKSPIN: Wann wird die Platte fertig sein?

PATTON: Es wird noch etwas dauern – aber ich hoffe, dass sie Ende des Jahres erscheint.

BACKSPIN: Vielen Dank für das Gespräch.

www.ipecac.com

Journalistisch / , , , .
Trackback-URL.

Einen Kommentar abgeben

Your email is never published nor shared. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*
*