Game ist sein Mantra – Megaloh

Interview Bianca Ludewig | Fotos Hanno Schönewald | Layout Georgee


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Für viele ist dieser Berliner Rapper im letzten Jahr zu einem Hoffnungsträger im deutschen Battle-Rap geworden. Das liegt vor allem an seinen Skillz, aber wohl auch an seinen Anleitungen zum Geldverdienen und Frauenchecken, die er auf „Im Game“ und „Reim Geschäftlich“ mit gekonntem Flow für die Welt der männlichen Heranwachsenden rappt – um damit dem Zeitgeist zu folgen. Das aktuelle Album ist ein Who’s-Who-Featurewerk und repräsentiert in der Hauptsache Megaloh’s Label Level-Eight, dessen zweite Hälfte sein langjähriger Kollege KD Supier ist, der alles produziert hat. Unter dem Motto „Reim Geschäftlich“ bringen sie angesagte Spitter aus so unterschiedlichen Camps wie Samy Deluxe, Sprachtot, Sentino, K.I.Z., Basstard, Jonesmann, Sera Finale oder Frauenarzt auf einer Produktion zusammen. Dazu erscheint dieser Tage „Alles Negertiv“, das von Frauenarzt produzierte Kollabo-Album von Megaloh und Sprachtot.

megaloh

„DIESE GANZEN LEUTE, DIE SICH ÜBER BROTHERS KEEPERS LUSTIG GEMACHT HABEN UND GESAGT HABEN DAS WÄRE ÜBERTRIEBEN, SIND EINFACH IGNORANT UND DUMM.“

Verantwortung für eigene Entscheidungen zu tragen, ist für Megaloh ebenso eine Herausforderung, wie mit einem klangvollen Namen zu leben, den keiner aussprechen kann und der hier geheim bleiben soll. Wirklich emotional wird der Berliner mit nigerianischen Wurzeln nur beim Thema Rassismus. Und so wünscht er sich für Rap, dass er hierzulande ebenso akzeptiert wird wie Sexismus, Fremdenhass oder Döner, was sich etwa darin manifestieren könnte, dass mehr Rapper bei Stefan Raab eingeladen werden. Aber spätestens dann würde es für Megaloh schwierig, gleichzeitig den gebildeten afrodeutschen Mann und die Straßen Berlins zu repräsentieren. Deshalb wünsche ich mir, dass er auch dann seine Brille trägt, Raab auf Französisch frontet oder mit ihm Berliner-Schnauze-mäßig die Notwendigkeit des Hinauszögerns des männlichen Orgasmus erörtert.

Megaloh, inwiefern hilft das Rappen über Sex und Frauen dabei, sein eigenes Leben in den Griff zu kriegen?

Also ich … (lacht) rappe darüber, weil es mich beschäftigt. Ich will nicht therapieren, Frauen faszinieren mich, weil ich sie nicht ganz verstehe. Viele, die diese Musik hören, haben vielleicht nicht so viel Erfahrung mit Frauen oder nicht so gute und können hier Selbstbewusstsein tanken. Wie die einzelnen Personen dann mit diesem erworbenen Selbstbewusstsein umgehen, also ob die Jungs dann rausgehen und jede Frau eine Schlampe nennen oder sich Gedanken machen, ob man auch Game – also Charme – braucht, um bei einer Frau das zu erreichen, was man will, entscheiden sie selbst. Mich haben da früher ja auch die Gangster- und Player-Filme inspiriert.

Wieso repräsentierst du die Leute von der Straße?
Du selbst kommst ja gar nicht von der Straße?

Mein Vater war arbeiten, und meine Mutter hat mich vom Kindergarten abgeholt und so gut sie konnte aufgepasst, dass ich keine Scheiße baue. Aber ich habe schon immer hier in Moabit gelebt und kenne die anderen Seiten von Anfang an. Von der Straße kommen heißt auch, keine Chancen auf Bildung oder einen angemessenen Lebensstandard zu haben und dadurch auf eine schiefe Bahn zu kommen. Ich mache mit meiner Musik etwas Positives und zeige den Jungs auf der Straße, dass es auch einen anderen Weg aus dem Sumpf gibt. Rap ist die Stimme der Freiheit, und sie gibt den Menschen Hoffnung.

Wie gefällt deinen Eltern deine Musik?

Meine Mutter versteht nicht so viel von dem, was ich sage, deshalb achtet sie weniger auf die Inhalte und mehr auf die Musik. Deshalb findet sie „Kopf runta“ auch gut, weil sie findet, dass man dazu gut tanzen kann, was ja stimmt. Mein Vater setzt sich mehr mit den Texten auseinander, und er kann sich deshalb nicht dafür erwärmen, was ich da über Frauen rappe. Aber er findet trotzdem, dass ich es draufhabe. Meine Eltern haben sich sicher nicht gewünscht, dass ihr Sohn mal Rap-Musik macht. Mit der Zeit haben sie aber gemerkt, dass ich das durchziehen will, und akzeptieren es mittlerweile auch.

Hat die Beziehung zwischen Mann und Frau auch politische Komponenten?

Durch die Emanzipation der Frau, die wohl als sozialpolitisch zu betrachten ist, gibt es keine eindeutigen geschlechtsspezifischen Rollen mehr, und das hat zu einer Identitätskrise bei Männern und bei Frauen geführt. Jetzt gibt es verständnisvolle Männer, die sich gleich in die Hausmannrolle fügen, aber viele erfolgreiche Frauen wollen solche Männer gar nicht. Es ist nicht mehr so einfach zu sagen, wer welche Rolle hat. Deshalb ist es das Beste, sich über seine eigene Rolle im Klaren zu sein – unabhängig davon, was die andere Person dazu beitragen kann.

Wenn man als Mann gerade keine Frau hat, bekommt man dann sofort eine Identitätskrise?

Nein, auf keinsten. Obwohl manche Jungs ihren Stolz vergessen, wenn es um das andere Geschlecht geht. Viele Typen verbiegen sich für eine Frau, sie beschäftigen sich viel zu sehr mit dem Thema. Aber wenn man alles für eine Frau tut, hat es nicht mehr den erwünschten Effekt, es ist ihr zu langweilig. Außerdem muss sie dich respektieren können. Wenn du eine Vision hast und dein Ding machst, wirst du für sie viel interessanter.

Hattest du schon mal eine Identitätskrise?

Nicht wegen ’ner Frau. Ich war eigentlich eine einzige Identitätskrise als Kind, da ich weder wie meine Mutter noch wie mein Vater aussehe, rein farblich. Mein Vater ist heller als ich, und meine Mutter ist dunkler. Dieses Gefühl ist nicht logisch erklärbar. Man will in die Gruppe passen, und es ist dann schon seltsam, wenn einem ständig das Gefühl gegeben wird, dass man da nicht dazugehört. Es kommen dann so Sprüche wie: „Hast du dich mit Schuhcreme eingeschmiert?“ Und man denkt zwangsläufig: Warum reden alle über meine Hautfarbe? Wenn ich in den Ferien nach Nigeria fuhr, liefen mir die Kinder hinterher – weil ich so hell bin und deshalb eine Attraktion war. Als ich klein war, wollte ich weiß sein, als ich älter wurde, hatte ich dann mehr mit Altersgenossen zu tun, die auch nicht weiß waren, und habe darüber ein ganz neues Lebensgefühl entdeckt und mich immer mehr mit meiner Hautfarbe identifizieren können. Man macht zwar noch Abstufungen zwischen Mulatte und Neger, aber schlussendlich bin ich hier ein Neger.

Du passt dich mit deinem Album ja sehr an die gesellschaftlichen Realitäten an. Hast du noch schwache Momente, wo du davon träumst, wie es besser oder anders sein könnte?

Ich arbeite und spiele sehr viel mit Klischees, um den Leuten den Spiegel vorzuhalten, bin also eher Realist. Deshalb sage ich auch: „Ich beweg mich in einer weißen Welt ohne Schneeschaufel.“ Und diese ganzen Leute, die sich über Brothers Keepers lustig gemacht und gesagt haben, das wäre übertrieben, sind einfach ignorant und dumm. Man konnte es ja bei B-Tight beobachten – je hellhäutiger die Leute im Publikum waren, umso lauter haben sie „der Neger“ geschrien und sich gefreut, das Wort endlich mal „legal“ benutzen zu dürfen, insofern hat er mit dem Song genau das Richtige erreicht, mehr als mit dem Zeigefinger. Aber eigentlich ist es egal, ob Kanake, Neger, Kartoffel, Yalla oder Japse: Was in dieser Welt zählt, ist Business.

Hat alles im Rap seine Berechtigung?

Wie in der Politik eben, da hat die NPD für mich keine Berechtigung. Genau so, wie Nazi-Rap keine Berechtigung hat. Ab dem Moment, wo Rap als politisches Mittel zur Beeinflussung eingesetzt wird, hören gewisse Dinge auf, eine Berechtigungsgrundlage zu haben. Im Kapitalismus funktioniert ja alles, solange es Abnehmer findet. Ob es eine Berechtigung hat, ist deshalb eine Frage der Wert-Vorstellungen. Ich finde schon, dass man etwas Positives zeigen sollte. Obwohl mir viele sagen, dass mein Frauenbild kein Positives ist – Geschmackssache. Aber Rap unterscheidet sich eben von Politik, weil es eine Kunstform ist.

Was bringst du denn Neues und Eigenes an den table of Rap?

Mein Umgang mit der Sprache ist einzigartig, denn nicht alles lässt sich gleich gut flüssig aussprechen, und obwohl ich kaum Anglizismen benutze, sagen mir viele, dass es wie amerikanischer Rap klingt. Damit kommen wir zum Gefühl für den Flow, ich kann mich an jeden Beat oder Rapper anpassen. Das soll auch „Reim Geschäftlich“ zeigen.

Woher nehmt ihr die Gewissheit, dass es mit dem Geschäft auch klappt?

Wir haben keine Gewissheit. Die Magie kann aber nur klappen, wenn man keine Zweifel zulässt. Deshalb darf keiner mehr an dich glauben als du selbst, das ist die goldene Regel.

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