Backspin trifft… King Rocko Schamoni

Interview Bianca Ludewig | Foto Dorle Bahlburg

in: BACKSPIN #82 Februar 2007


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Der Hamburger Allround-Entertainer hat jetzt sein siebtes Album draußen, ein weiteres Buch erscheint im April, neue burlesk-psychedelische Theaterstücke mit Studio Braun sind in der Mache. Der „Golden Pudel Club“, mehrmals zum besten Club Deutschlands gevotet, auf dessen Baustelle Schamoni täglich kämpft, wird ab Mai räumlich und kulturell um neue Dimensionen erweitert. König ist er vor allem wegen seiner kritischen Haltung und seinem Humor, der unser tristes Dasein erheitert. Aber trotzdem oder gerade deswegen ist es nicht leicht, Rocko Schamoni zu sein.

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Die trüben Hamburger Regentage, die Durchkommerzialisierung der Stadt, der Tod geliebter Menschen, die Unmöglichkeit frei zu sein oder die Sorge um die heranwachsende Tochter machen unserem norddeutschen Lieblingskomiker zu schaffen. Aber sein Sinn für die Ironie des Lebens macht ihn auch zum Sympathieträger. Das wunderbare Typeholics-Cover seines vorerst letzten Albums – weiß auf schwarzem Grund samt Anker am Grabstein – illustriert die jüngsten Themen, die ihn emotional beschäftigen: „Es geht vornehmlich um das Sterben, das Lieben ist auf den hinteren Teil der Platte verdrängt. Eigentlich sollte es ein ganz und gar hartes Album werden, aber es war gleichzeitig auch ein biografischer Prozess. Ich habe ohnehin eine starke, in Wellenform sich bewegende Depression, und diese Depression hat sich mit meinen biografischen Daten perfekt in der Mitte getroffen“, erzählt Rocko.
Unser liebster Schleswig-Holstein-Punk hat sich nicht nur mit hochprozentigen Flüssigkeiten beschäftigt, er hat auch Geschichte angehäuft – viel gedacht, gelesen, gesprochen, gehandelt. Vieles ist dadurch umso klarer geworden: „Dummheit gewährt einem viel mehr Freiheit, als Schlauheit einem verschafft. Je mehr man weiß, umso gefangener wird man sein. Vielleicht kann man nur richtig frei sein, wenn man schlau genug ist, um zu begreifen, wie gefangen man ist.“ Daraufhin möchte er etwas zitieren: „Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.“
Rocko fing an zu denken, und nun kann er nicht mehr zurück, deshalb ist die Parabel von der Vertreibung aus dem Paradies für ihn auch die schönste Geschichte über das Erwachsenwerden: „Ich bin kein Christ, aber ich finde diese Geschichte genial. Wenn du von der Frucht der Erkenntnis isst und erkennst, dann werden die Mauern des Paradieses fallen, und du bist frei; aber das warme Aufgehobensein gibt es nicht mehr. Wenn du frei bist, dann gibt es auch keinen Schutz mehr“, so Rocko.
Deshalb ist Liebe für ihn ein wichtiges, aber rares Gut. Denn meist handelt es sich dabei um zweckorientierte Geschäftsbeziehungen, Triebzwänge oder Abhängigkeitsverhältnisse. Und die Kleinfamilie bleibt ihm suspekt, während die Großfamilie undenkbar ist: „Ich finde Eltern und Kinder grundsätzlich doof, langweilig und bescheuert. Ich habe keine lässige Beziehung dazu, was wohl von meiner eigenen Familie kommt. Ich kenne aber auch super Eltern, die ihre Sache toll machen. Dennoch habe ich eine Allergie gegen Familien, denn ich glaube, Familien sind immer Gefängnisse, wo alle leiden. Je mehr drin sind, umso mehr müssen leiden.“
Je härter seine Ansichten werden, umso sanfter und tiefer wird – trotz Ecken und Kanten – seine Beziehung zur Musik, wo er sich bei alten Vorbildern wie Al Green oder Sly Stone bedient, an Aufnahmetechniken und Soundparametern: „Ich habe mich komischerweise unfreiwillig auf Soul und ältere schwarze Musik eingeschossen. Auf dem Album gibt es deshalb kein Sequencing, Loops, Sampling oder dergleichen. Nur ein paar Synthies. Und das Melotron – das ist eine Art früher Sampler, womit auch die Beatles viel gearbeitet haben. Es funktioniert über Bandschleifen, besteht quasi aus 64 Kassettenrekordern“, schwärmt er.
Und so hat Rocko in seinem Leben wohl am meisten Geld in den „Pudel Club“ und in bisweilen urige Musiktechnik investiert. Luxusgüter gibt es in seinem Post-Punker-Dasein nicht, noch nicht mal ein Auto. Dafür fährt er gerne Fahrrad. Auch deshalb bekommt der Nachwuchs des Landes auf seinem Album eine Dusche der Verachtung: „Diese Beckham-Neopunks, die ihre Ideen aus einer Recyclingmühle nehmen, aber eigentlich komplett enthäutet sind von Style oder Inhalt. Sie haben Images an sich genommen und übergestülpt – morgen kann es schon ein anderes sein. Für mich ist das eine fragwürdige Form von Haltung, die ich vielen von denen attestiere und auch meinte, ihnen mal vorwerfen zu können. Ich bin ja in einer Zeit groß geworden, als die meisten Jugendlichen ein Bedürfnis nach Dissidenz hatten. Aber bei der jetzigen Jugend kann ich das nicht mehr erkennen. Ich hab das Gefühl, dass die komplette Endübernahme des Kapitals und der amerikanischen Lebensideen diesen Geist ganz weggebügelt hat“, erläutert Rocko. Aus dieser Perspektive leitet sich wohl auch seine ähnlich finstere Sichtweise auf US-amerikanischen Rap ab: „Ich habe wahnsinnige Probleme mit amerikanischem Mainstream-Hip-Hop, was da transportiert wird, ist für mich das Ende einer Straße.“
Trotzdem steht er Hip-Hop mehr als positiv gegenüber und hat ihn in Hamburg, wo unterschiedliche musikalische Szenen vernetzt sind, via „Pudel Club“ auch selber gefördert. Den Aufschwung des deutschen Rap erlebte er hautnah mit, was ihn freute, denn in den späten Achtzigern war nach Punk Hip-Hop für ihn die nächste große Chance. Den großen Aufbruch mitzuerleben, war für ihn aufregend, und der darauf folgende Zusammenbruch nicht nachvollziehbar: „Die Basis kam mir so humorvoll und kreativ vor, ich dachte, das hält sich über viele Jahre. Zu sehen, was da geht und mit was für einem Tempo man weirden, ganz sonderbaren Stoff verbreiten kann. Und ich finde es rätselhaft, dass davon so wenig übriggeblieben ist. Dass ein Label wie Yo Mama nicht mehr existiert: Was für ein tolles Haus das war, und was hier passierte – und auf einmal lösten sich die Büros auf, und das Haus war leer. Ich habe das Gefühl, dass es zu früh losgelassen wurde. Da steckte eine Kraft dahinter, auf die man lange gewartet hatte“.

„Im Hip-Hop steckte eine Kraft, auf die man lange gewartet hatte.“

Weil Hip-Hop und Musik überhaupt in seiner Wahrnehmung zunehmend zum Affentanz verkommen, hat sich Rocko vor einigen Jahren der Schriftstellerei zugewandt. Sein zweites Buch „Dorfpunks“ verkaufte sich dann zu seiner Verwunderung 100 000 Mal. Die zugehörigen Lesungen bereiten ihm und den Anwesenden viel Freude, was auch das Hörbuch bestätigt. Sein drittes Buch handelt erneut vom Erwachsenwerden und trägt den vielversprechenden Titel „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“, in Anlehnung an Stefan Zweigs „Sternstunden der Menschheit“. Genauer gesagt ist es die Gegengeschichte: „Es handelt von der Unmöglichkeit, leben zu können. Es geht um jemanden, der 25 Jahre ist und in einer Stadt wie dieser lebt, wo nie die Sonne scheint, und der deshalb sehr viele Flüssigkeiten zu sich nehmen muss, also ein Alkohol-Kiemenatmer ist. Ich selbst habe mich immer als grenzenlosen Versager empfunden, wenn ich mich mit denen verglichen habe, die in der Kulturgeschichte Großes geleistet haben. Andererseits ist das Große auch total banal und spiegelt nicht das wahre Leben wider. Deshalb erschien es mir wichtig, eine Geschichte zu erzählen, in der nichts passiert und die die unsere sein könnte. Die immer nur feststellt, dass es kein Entkommen aus dem Nichts gibt. Aber letztendlich gibt es auch ein Selbstverständnis im Nichts und eine Art Verliererstolz. Das verbindet mich auch mit St. Pauli.“
Und obwohl Rocko nichts mit Berlin und seinem Rap zu tun haben will, ist er ihm doch oft – durch seine Affinität zur Straße und seinen Humor – näher, als er glaubt. Allerdings mit einem spiegelverkehrten Selbstverständnis, denn wo sich Jugendliche aus der Konservendose als Gewinner wahrnehmen, sieht sich jemand wie Rocko – der Arbeitsplätze zum Liebhaben, rotzige Kultur und humoristische Inseln der Dissidenz schafft – erstaunlicherweise nicht als gesellschaftlicher Gewinner: „Von außen mag das imposant aussehen. Kann es auch, ich hab ja auch viel dafür gemacht und bin auch bereit, mein Wissen zu teilen, ohne es zu glorifizieren. Man darf nur keinen übertriebenen Respekt deswegen haben. Aber natürlich bin ich ein Älterer, und die dürfen auch mehr erzählen als die Jüngeren. Viel von der Art des Aufbegehrens, das man so auffährt, wenn man jung ist, ist nicht ernst. Das entspringt eher den Drüsen und Säften, von denen man dann gepusht wird, sowie dem Bedeutungswunsch. Und dem gleichzeitigen Bedürfnis, jene zu verdrängen, die auf den Plätzen sitzen, auf die man sich selber setzen möchte. Ganz große Anteile dieses Kampfes bestehen aus Eitelkeit. Ich hatte immer das Gefühl, dass es dabei um nichts geht“, meint der King bescheiden.
Deshalb gehen ihm aber nicht die Argumente oder der Schabernack aus – und auch die Wut ist nicht verdampft: „Ich finde, wie wir hier leben, teilweise sehr, sehr frustrierend, und die Frustration nimmt eher noch zu. Aber ich glaube, dass Veränderungen kommen werden. Es muss zu einer Form von Umdenken oder Widerstand kommen, denn diese jetzigen Wege sind nicht mehr so lange zu befahren.“
Und wenn Rocko sich – zumindest geistig – neuen Wegen zuwendet, dann steigt auf eure Räder und folgt seinen Hirnwindungen, denn es wird sicher stilvoll, lustig und jugendlich. Auf den Pfaden der niemals enden wollenden Lebensironie und des Erwachsenwerdens.

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