Deutschlands vergessene Kinder

Unterschicht ohne Zukunft?

Text Bianca Ludewig | Layout Gizmo
Fotos Ricarda Stelle del Monte & Mellowvibes


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Mellowvibes Records hat für die deutsche Kinder- und Jugendeinrichtung Die Arche einen Sampler produziert, dessen Einnahmen dank der Künstler in das ARCHE HipHop Projekt 2009 fließen. Rund 70 Rapper sind dabei und wollen zeigen, dass Hip-Hop nicht Teil des sozialen Problems, sonder auch Teil der Lösung ist.

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„Frauenarzt war sichtlich geschockt von den Auswirkungen, die Musik bei unseren Kids über bestehnede Probleme hinaus haben kann.“

Die Verlierer unserer Gesellschaft vermehren sich schneller als die Gewinner. Das Kinderprojekt Die Arche hat in seinen Büchern den Alltag und die Probleme von Kindern und Eltern aus der Untersehicht skizziert. Im Durchschnitt ist das die arbeitslose und alleinerziehende Mutter mit drei bis vier Kindern von drei bis vier ahwesenden Vätern. In vielen Fällen ist das Leben dieser Kinder komplett sexualisiert. Für die Mütter ist Sex das Highlight in ihrem Leben, meistens das einzige. Kinderarmut und soziale Verwahrlosung sind eine Folge davon.

Diesen „Lifestyle“ haben viele deutsche Rapper in ihren Texten beschrieben, einige hat es sogar berühmt gemacht. Da sich Rap immer wieder als Spiegel der Gesellschaft“ definiert. ist es nicht weiter verwunderlich, dass überwältigte Medien und Politiker wissen wollten, was da los ist und warum? Abseits vom Bildungsbürgerturn hatte sich eine Subkultur entwickelt, die nichts mehr kennt außer Subkultur. Ein extremer Mangel an Geld und Bildung sind neben einer Pornosozialisation meist charakteristisch. Die Kinder und Jugendlichen hören laut Pädagogen mit Vorliebe Frauenarzt, King Orgasmus One, Sido oder Bushido. Die Arche wurde als ]ugendeinrichtung immer öfter auf Rap und vor allem Pornorap angesprochen. Nachdem 2007 der Artikel „Voll Porno“ im Stern erschienen war. wollte sich der Pressesprecher der Arche, Wolfgang Büscher, auf diesem Gebiet „fit machen“, da er von Fragen überhäuft wurde. Er wurde auch zu „Maischberger“ eingeladen, wo er versuchte, mit Lady Bitch Ray über Hip-Hop, Sexualität und die soziale Problematik zu diskutieren.

Dadurch wurden Jan Pasutti und Sami Ben Mansour von Mellowvibes/„Wildstylemag“ auf die Arbeit der Arche aufmerksam. Sie kontaktierten Wolfgang Büscher und boten der Arche eine eigene Workcshopreihe für die Kids an. Daraus entwickelte sich wiederum die Idee eines Samplers: eine Art Soundtrack zu den Büchern der Arche, die Schicksalsgeschichten von Kindern- und Jugendlichen erzählen, die ihnen begegnen. Ein Report aus dem Brennpunkt.

Auch viele der rund 50 Tracks auf dem Sampler erzählen solche Geschichten. Das Spektrum ist weit gefächert, von Xavier Naidoo oder Curse bis zu zahlreichen auch kritisch betrachteten Rappern: „Es war von Anfang an klar, dass wir Vertreter aller Rap-Genres dabeihaben wollten. Es ging nicht um die Künstler, sondern um die Vielfalt. Es ging uns darum, Rap so wahrheitsgetreu und vielfältig zu präsentieren, wie er eben ist“. erklärt Jan Pasutti das Konzept. Auf ihre Anfragen bekamen beide über 150 Tracks zugeschickt. Einzige Vorgabe an alle Künstler war es, das Thema der Arche für sich umzusetzen.

Für den Berliner Rapper Sinan. der mit seinem Song „Zur Sonne“ vertreten ist, ist kritischer Rap nicht nur über Storytelling möglich: „Für mich ist es wichtig. die Ursachen konkret zu benennen und zu wissen, um wen es hier eigentlich geht. Für mich sind das eben die Arbeiterkinder, und ich spreche die Problematik des Kapitalismus auch deutlich an.“ Der Wichtigkeit der Thematik ist er sich bewusst. Mit 21 liegt seine eigene Jugend noch nicht weit zurück, und seine Eltern sind Erzieher in Berlin-Kreuzberg und -Neukölln, weshalb er viele ihrer Geschichten kennt.

Auch Wolfgang Büscher glaubt. dass die Folgen des Kapitalismus gravierend sind, weshalb sich Die Arche auch für den Mindestlohn stark macht. Staatliche Hilfe bekommt der Verein bundesweit schon lange nicht mehr. Die Arche Berlin-Hellersdorf ist die größte Kinder- und Jugendeinrichtung in der Hauptstadt mit bis zu 600 Kindern pro Tag. Dort bekommen sie kostenloses Essen, Talentlörderung, Nachhilfeunterricht, Geburtstagspartys oder Urlaubsreisen. Das kostet 900 000 Euro im Jahr, die Die Arche zu 100 Prozent aus Spenden und Wirtschaftspartnerschaften generiert. Deswegen sind Ideen und Projekte wie dieser Sampler auch existenziell für Die Arche.

Bei Mellowvibes glaubt man, dass Rap teilweise wieder Aufgaben übernehmen müsse, die er mal hatte, wie „Hoffnung und Identität zu geben und die Chance auf Anerkennung, ohne auf die falsche Bahn zu geraten.“ Über 90 Prozent der Arche-Kids hören Gangster- und Porno-Rap. doch: „Rap ist nicht Ursache des Problems und dieser Sampler nicht die Lösung. Er soll lediglich den Denkanstoß für Diskussionen geben, damit sich überhaupt etwas verändern kann. Nicht ohne Grund dokumentieren wir kommentarlos“, so Sami Ben Mansour. „Darum war es keine Frage, jemanden wie Frauenarzt mit
raufzunehmen. Denn wenn Rapper wie er sagen, da läuft was schief, hat das wesentlich mehr Gewicht, als wenn es die Eltern oder Lehrer sagen“, sagt Jan Pasutti. Die Arche-Kids bezeichnen jugendfreien Hip-Hop als „Kinder-Rap“, der bei ihnen keine Rolle spielt. So besitzt dieser Sampler die Chance, gerade diesen Kids auch andere Genres erstmals attraktiv nahezubringen.

Für Wolfgang Büscher ist das Projekt jetzt schon ein Erfolg. Er hatte sich im Vorfeld gegen den Arche-Gründer Bernd Siggelkow durchgesetzt, der gegen die Teilnahme von Frauenarzt war: „Man muss miteinander reden, nicht übereinander. Sonst lässt sich nichts verändern. Frauenarzt hat unseren Standpunkt jetzt gehört, warum wir uns von Porno- und Gangster-Rap distanzieren, und er war sichtlich geschockt von den Auswirkungen, die Musik bei unseren Kids über bestehende Probleme hinaus haben kann“, weiß Büscher zu berichten.

Der Frankfurter Rapper Blaze von Echte Musik kannte Die Arche schon aus zahlreichen TV-Beiträgen. Ihm war es wichtig, auf Kinderarmut und Verwahrlosung auch in jenen Medien hinzuweisen, in denen das Thema bislang nicht behandelt wurde. „Ich bin selber schon Vater und freue mich gemeinsam mit so vielen anderen Künstlern, meinen kleinen Beitrag leisren zu können. Denn bei so einem Projekt zählt jede Stimme. Natürlich kann Rap-Musik positiven Einfluss auf ]ugendliche ausüben, aber das wird leider viel zu selten in den Medien kommuniziert. Insofern ist der Sampler ein wichtiges Signal, insbesondere Für die Kinder.“

Auch die Berliner Rapperin Sookee sucht den Dialog. Ihr ist es wichtig, dabei zu sein, „wenn Hip-Hop seine sozialen Adern verfolgt“. Sookee arbeitet mit Jugendlichen und speziell Mädchen, vor allem in Berlin-Moabit. Sie bekommt viel von dem mit, was sich die Jugendlichen erzählen: „Deshalb finde ich die Teilnahme von Leuten, die sonst nur die Enttabuisierung feiern, hochproblematisch. Ich hoffe. dass diese Tabubrüche gerade im sexuellen Bereich auch eine Chance sind, sodass man jetzt auch über sexuellen Missbrauch sprechen kann. Deshalb muss sich bei der medialen Aufbereitung auch mehr Zeit genommen werden. Und wenn es darum gehen soll, was Hip-Hop tun kann, brauchen wir auch Kommunikation im Rahmen des Samplers. Es scheint immer. als würde Hip-Hop jetzt wieder eins sein. als gäbe es eine vereinende Art von Hip-Hop, aber das sehe ich nicht so. Denn als MCs haben gerade wir die Möglichkeit, das Maul auflumachen.“

Sookee glaubt, dass der Sampler soziales Porenzial hat: „Das haut schon rein, wenn man sich die CD am Stück reinzieht. Das kann einen guten Effekt haben. Aber es ist letztlich eine Frage des Ressourcenzugangs, und dass der Kapitalismus problematisch ist, ist ja nichts Neues … Wissen ist ja auch Kapital. Und die, die Wissen haben, müssen den anderen auch zuarbeiten. Deshalb ist Kommunikation ganz zentral, und jeder kann Gelegenheiten nutzen, um Grundsatzdebatten zu führen“, erklärt Sookee ihren Lösungsansatz.

Sinan glaubt, dass außerhalb von Gangster- und Porno-Rap noch nicht richtig versucht wurde. diese Jugendlichen zu erreichen: „Viele, die sozialkritischen Hip-Hop machen, sind einfach nicht gut genug. Ihre Videos. ihr Artwork, ihr Sound. Man kann es noch besser machen, als es bisher probiert wurde. Und man weiß auch, dass die kapitalistische Gesellschaft eine Klassengesellschaft ist. Und in einer Klassengesellschaft kann es keinen Frieden oder Gerechtigkeit geben. Wenn man das verinnerlicht, weiß man auch, wo die Lösung liegt“, hofft Sinan.

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