Backspin trifft… Thomas Baumgärtel

Text Bianca Ludewig | Foto Archiv Baumgärtel

Der Kölner Thomas Baumgärtel, bekannt als der „Bananen-Sprayer“, schaffte durch seine 23-jährige Auseinandersetzung mit einem einzigen Objekt in verschiedenen Variationen den Sprung von der Straße in den Kunstmarkt. Anfangs als Kritik am Kunstmarkt gedacht, ist seine 35-Zentimeter-Banane am Eingang einer jeden Kunststätte ironischerweise zum begehrten Markenzeichen für Kunst selbst geworden. Mit den Jahren hat er sich in seiner Arbeit verschiedene Strategien zunutze gemacht, die heute längst Standard sind – wobei ihm sein Psychologiestudium hilfreich zur Seite stand. Wenn man Kunstorte besucht und Zeitung liest, trifft man ihn und seine Bananen nach wie vor. Wir begegnen seinem Namen oder seinen Bananen hauptsächlich in Büchern über Stencils, Urban Art oder in Hip-Hop-Lexika, und das ist auch richtig so.


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Während seines Zivildienstes Anfang der achtziger Jahre, nagelte Baumgärtel in einem katholischen Krankenhaus eine Banane auf ein Holzkreuz, um so die Ordensschwestern zu testen. Die Reaktionen reichten von Gelächter bis Empörung, weshalb er Gefallen daran fand und Kunst sowie Psychologie studierte. Er hat dann erst mal fünf Jahre lang mit Bananenschalen gearbeitet und in einer Disco gejobbt, wo er viel Hip-Hop hören musste. Heute hört er lieber Soul oder gar nichts, bei der Arbeit dudelt das Radio. Er mag die Provokation und das Spiel mit den Symbolen. Inspiriert von Harald Naegli oder Blek Le Rat machte er 1986 seine ersten Bananen-Stencils und hat diese Bananen-Schablone seitdem an rund 4000 weltweite Galerien, Museen oder Kunstorte gesprüht. Für seine Bilderserien über Bananen-Metamorphosen benutzte er an die 1000 Schablonen, und Mitte der neunziger Jahre sprühte er riesige Gemälde aus Mini-Bananen-Schablonen. Oder er werkelte an überdimensionalen Installationen, Bananen als Skulpturen aus Kunststoff, Holz oder Beton. Das alles zeigte ihm, dass mit der Banane einfach alles geht.

So viel Banane kann zwar erst mal befremdlich wirken, aber Baumgärtel ist abgehärtet: „Wenn man sich so exzessiv mit einem Gegenstand beschäftigt, muss man auch gelassen gegenüber Reaktionen werden. Heute sammle ich gerade die heftigen Reaktionen zur Banane, und je negativer sie sind, umso besser.“ Ob am Brandenburger Tor, im Kölner Oberlandesgericht oder bei einer Schweizer Branding-Ausstellung – der Baumgärtel ist mit seinen Bananen am Start. Auch die Aktenordner voller Strafanzeigen gehören dazu und stehen in Vitrinen. Was also vergleichsweise harmlos mit der Warhol-Banane als Revolution der Platten-Cover-Kultur in den sechziger Jahren begann, führt Baumgärtel konsequent weiter und bringt der Welt und seinen vermeintlichen Kunstorten die Banane: „Damals war Köln ja eine Art Kunsthochburg mit so vielen Galerien – der Kunstmarkt war vollkommen überteuert, überdreht und abgehoben. Quasi ,totally bananas‘, und so fing mein Projekt mit den Kunstorten an. Das war damals schon als Kritik gedacht, aber wie alle Sprayer wollte ich auch auf mich aufmerksam machen.“ Baumgärtel freut sich, wenn er zum ersten Mal nach Moskau reist und die Banane schon da ist. Kopien sieht er – sofern nicht kommerziell verwertet – als Kompliment. Als er in New York zum ersten Mal eine Banane sprühte, sagte jemand im vorbeigehen: „This is the banana-sprayer from cologne.“ Da die Galerien inzwischen zu Ausstellungen einladen und Kunstorte nach der Banane verlangen, kann man sagen, dass ihre subversivsten Zeiten vorbei sind. Die Presse ist vor Ort, und am nächsten Tag steht es in der Zeitung.

„Die illegalen Sprayer muss der Kulturbetrieb erst mal ablehnen. Denn eine Kultur funktioniert nur, wenn sie Normen hat. Ein gewisses Maß an Aufstand braucht man zwar auch, aber irgendwo ist eben die Grenze.“

Doch Baumgärtel sieht die Banane als Prinzip und Werkzeug: „Damit kann man jederzeit, wenn es zu etabliert oder elitär wird, auch dagegenrudern. Ich habe die Freiheit, jederzeit damit auch anarchistische Aktionen zu machen, und die Freiheit nehme ich mir auch. Deshalb bin ich froh, dass ich lange auf der Straße gearbeitet habe.“ Laut Baumgärtel muss Kunst in erster Linie Wirkung erzeugen, weshalb er seinen Straßen-Aktionismus auch durch Protestcampen oder Unterschriftensammlungen austobte. Jetzt ist er nur noch selten auf der Straße unterwegs, trotzdem freut er sich über alle Writer und Kleber, die in Bewegung sind und die Stadt schminken. Er würde sich sogar für Sprayer einsetzen: „Ich finde, Graffiti gehört in die Großstadt, ohne Subkultur fühle ich mich unwohl. Die Großstädte sollen doch froh sein, denn die Architektur ist oft die größere Beleidigung für die Augen.“ Trotzdem findet er es normal, dass der Kunstbetrieb auf der Straße Umtriebige nur ungern akzeptiert, denn der Zusammenhalt einer Kultur funktioniert auch über Norm und Ausgrenzung: „Die illegalen Sprayer muss der Kulturbetrieb erst mal ablehnen. Denn eine Kultur funktioniert nur, wenn sie Normen hat. Ein gewisses Maß an Aufstand braucht man zwar auch, aber irgendwo ist eben die Grenze.“ Die Basis seines jetzigen Erfolgs bleibt trotz allem die Freiheit, nicht zu fragen, sondern einfach zu machen. Sich Orte symbolisch anzueignen, ist für Baumgärtel genauso wichtig, wie den normalen Kunstbetrieb auf die Schippe zu nehmen. Baumgärtels Unterstützer entdecken in seinem Werk sogar Dadaismus, also die Kunst, etwas Verrücktes mit Humor zu machen, mit den Mitteln des Nonsens gegen die Ernsthaftigkeit vorzugehen. Manche Frauen sahen dagegen in der Banane eher die Überbetonung eines Männlichkeitssymbols und crossten die Banane: „Da gäbe es einige Geschichten von Frauen zu berichten, die stolz darauf waren, meine Banane überzumalen. Und sicher mache ich als Mann eher männliche Kunst, wenn man so will.“ Durch sein Psychologiestudium weiß Baumgärtel aber glücklicherweise, dass die Kunst erst durch den Prozess der Betrachtung zur Kunst wird, und auch, was die Deutungen von Symbolen über den Betrachter sagen. Deshalb findet er solche Rezeptionsweisen nicht uninteressant. Aber auch ihm selbst wird die Banane manchmal zu viel. Mittlerweile hat er deshalb zwei getrennte Arbeitsräume, um auch an Projekten ohne Bananen zu arbeiten: „Manchmal muss ich den Bananensprayer auch mal wegdrängen, damit andere Entwicklungen hochkommen können.“ Hochgekommen sind bisher – in Acryl und mit Pinsel gemalt – Supermärkte, Großstädte, Menschenmassen und der Holocaust. Themen, die ihn auch schon in der Psychologie beschäftigt haben:

baumgaertel_2003-10

„Diese Holocaust-Sachen sind wirklich ein schweres Thema. Es berührt einen sehr stark. Das muss man mal gemacht haben, um das zu merken. Der Fotorealist Gerhard Richter, der ja auch zu RAF und Terrorismus gemalt hat, sagte mal in einem Interview, dass man den Holocaust nicht malen könnte. Deswegen wollte ich das mal ausprobieren, ich habe eine Handvoll Bilder gemacht und bin irgendwann nicht mehr weitergekommen. Man braucht dafür viel Zeit, während es zugleich kaum Interesse an dem Thema gibt.“ Noch hat Baumgärtel zwei schöne große Räume in der Ateliergemeinschaft „CAP Cologne“ in Köln-Nippes zusammen mit fünfzig anderen Künstlern, wo er zwischen Holocaust, Bananen und Kaffeeküche hin- und herpendeln kann. Aber damit ist bald Schluss, weil die Stadt nun andere Pläne mit dem Gelände hat. Aber Baumgärtel braucht sich keine Sorgen zu machen, er hat einen Beruf, den man sehr lange ausüben kann, und das Kunstgeschäft läuft. Sonst hat er ja auch noch die Banane oder die Straße: „Ich hätte nichts dagegen, die Banane noch den Rest meines Lebens weiter zu benutzen. Mit banalen Sachen wie einer Banane kann man trotzdem Wirkung erzeugen, und das ist die Kunst.“

www.bananensprayer.de

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