Wählt 110 – Sauberkeit ist King

Dieser berichtende Kommentar erschien im Februar 2004 in der Backspin #52.

Fotos & Text: Beaware 2004

Der Wunsch nach mehr Zivilcourage ist eine Sache, Denunziation eine andere. Die Hamburger Polizei hat im Oktober – nachdem Anfang September die neue Graffiti-Verordnung beschlossen wurde – zusammen mit anderen Interessensverbänden eine gemeinsame Denunziations-Aktion gegen illegale Graffiti gestartet: “Stoppt Illegale Graffiti. Wählt 110! Illegales Sprayen, Malen oder Fensterkratzen sind Straftaten. Informieren Sie die Polizei wenn Sie Täter in Aktion sehen“, so das Motto der kollektiven Offensive.

Nachdem die Plakataktion bereits begonnen hatte riefen die Beteiligten einen Tag vorher, fast heimlich, zu einer Pressekonferenz in die zwar nicht gemütliche, aber saubere und gut bewachte Wandelhalle im Hauptbahnhof. Auf dem Rednerpult waren: der Polizeipräsident Udo Nagel, der Geschäftsführer des Grundeigentümerverbands Heinrich Stüven, der Geschäftsführer des Hamburger Verkehrsbundes Peter Kellermann, Ulrich Sieg vom Vorstand der Hamburger Hochbahn, Reiner Latsch von der DB und Wilhelm Schulz der Leiter des BGS Amtes Hamburg. Moderiert wurde das Ganze vom Leiter der SOKO-Graffiti Torsten Kieler.

Die verschiedenen Redebeiträge, die insgesamt 30 Minuten andauerten kamen stets in seltsamsten Beamtendeutsch daher und beschränkten sich insgesamt auf die eigenen Erfolge und gegenseitige Beweihräucherung in diesem gemeinsamen Kampf. Lustig war im speziellen die „Schau & Spiele-Ecke“. Dort gab es ein Hamburger Polizei-Büdchen auf dem Spraydosen aufgebaut waren, dort konnte man kontextabgewandelt Dosenwerfen. Der Gewinn: ein toller Wurf- oder Jonglierball mit Wahlweise DB-, Hochbahn- oder Polizei-Hamburg-Logo. Die andere Seite zierte das Logo der Kampagne: ‚Stoppt illegale Graffiti!‘ Außer den Kampagnen-Aktivisten hatte allerdings kaum jemand Lust zu werfen. Sehr detailgetreu waren der Schaukasten, der alle vermeintlichen Utensilien beinhaltete die ein Writer meist in seinem Rucksack mit sich trägt und die Schaufensterpuppe im angeblichen Hamburger Writer-Outfit nebst Sprayer-Pappfigur. Diese kündigen an, dass s&aumlpätestens jetzt dieser optische Eindruck zur Vergangenheit wird – falls er jemals richtig gewesen war.

  

Die Highlights der Veranstaltung warten besonders sprachlicher Art. Bemerkungen wie: “Es ist es ausgesprochen wichtig, dass dem Täter nicht das Gefühl vermittelt wird, dass seinem Treiben tatenlos zugesehen wird… So dass, Jugendliche irgendwann mal in ihre Zukunft mit ganz erheblichen Schäden auch hineingehen.“(Stüven) Oder auch:“Die Zusammenarbeit mit den privaten Sicherheitsunternehmen ist gut. Wir leben das auch in der Form, dass wir Erkenntnisse austauschen oder gemeinsame Fortbildungsmaßnahmen durchführen oder Einsätze koordinieren.“(Schulz)
Ebenfalls ganz groß: “Die Farbpigmente dringen in das Gebäude ein und wenn sie eindringen, müssen sie in irgendeiner Form wieder herausgeholt werden. Also ist es ganz klar eine Sachbeschädigung, gerade im Sinne des Gesetzes. Gerade ältere Leute leben ungerne in Gebäuden die mit Graffiti verschmiert sind. Sie haben dann das Gefühl, dass Gebäude und mit ihnen ganze Wohnviertel verwahrlosen. Und dadurch kommen sie nicht mehr raus aus ihren Gebäuden, verharren darin oder ziehen in andere Gebiete.“ (Stüver)

Dieser Argumentationslinie folgend kam Torsten Kieler mit der gewagten These, dass durch Graffiti „der Wohnraum billiger wird“. Was nun wirklich nicht im Sinne des Grundeigentümer Verbands sein kann. Seine Logik folgt diesen und ähnlichen Annahmen: Durch Graffiti „steigen die Kriminalitätsängste der Anwohner“, weshalb sie nicht mehr fähig sind die Realität und „Kriminalität richtig einzuschätzen“ – wodurch „der Stadtteil kippt“ und „sozial Schwächere in so einen Stadtteil hineindringen können“; denn „Leute die es sich leisten können ziehen in andere Stadtteile die ordentlich aussehen“. Geil! Wir bomben einfach Othmarschen, Flottbek und Blankenese voll und haben bald alle schönen, bunten und vor allem billigen neuen Wohnraum im Grünen mit Elbblick.

     

Die Hochbahn ihrerseits führte einen sehr einfühlsamen, fast schon sozialarbeiternahen Diskurs: „Die Fahrgäste fühlen sich durch Graffiti und Schmiererein beeinträchtigt, sie denken das Umfeld hier ist nicht mehr in Ordnung; sie können nicht mehr durch die Scheiben sehen oder sich nicht mehr auf den Sitz setzen, weil er beschmiert ist. Dies ruft ein Unsicherheitsempfinden hervor. Die Fahrgäste denken wo so etwas nicht in Ordnung ist, da fühlen wir uns nicht wohl, da fahren wir nicht mit.“ Heißt das im Klartext, dass es allen hier in Hamburg so gut geht, dass man die öffentlichen Verkehrsmittel nur als eine mögliche und luxeriöse Alternative sieht?

Der krönende Abschluss dieses erkenntnisreichen Happenings war ein Gruppenfotoposing der SOKO-Graffiti vor dem Dosenschmeiß-Büdchen. Was bleibt, ist ein bizarrer Eindruck von deutschen Beamten. Und eine vage Vorstellung von Ordnungs- und Sauberkeits-Konzepten einiger Lobbyisten. Letztendlich geht es doch um die Beseitigung oder Bekämpfung von kosmetischen Schäden an Gegenständen im öffentlichen Raum? Laut Grundeigentümerverband aber auch um den Verfall der „Guten Sitten“. Was diese nun sind, bestimmt glücklicherweise die Gesellschaft immer wieder aufs neue. Sauberkeit ist King, so scheint es für den Moment und soll wohl alle guten ‚deutschen‘ Werte gleich im Schlepptau mit sich führen. Und so die Gefahr der Verwahrlosung vertreiben. Gleichzeitig sollen aber die diffusen und irrationalen Ängste und Unwohlseinsgefühle der in ihren Gebäuden verharrenden deutschen Wertegemeinschaft untherapiert bleiben. Dabei erscheint Heilung für alle Angstgeplagten oder Training in Zivilcourage angebrachter, nachhaltiger und – bei positivem Ergebnis – attraktiver.
Bis dahin: Euch die Sauberkeit, uns den Style!


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