AESOP ROCK – Ein Durchschnittsamerikaner?

Der Rapper aus Long Island ist an einem Punkt angekommen, wo sein Name kein unbeschriebenes Blatt mehr ist. Bei Def Jux ist er in guten Händen angekommen und eine kleine weltweite Fangemeinde ist im Aufbau. Er verkauft viele Platten. In diesen Umständen gebiert er ein Album, das gewöhnungsbedürftig genannt werden muss. Das ist mutig und macht neugierig.

 

Der Rapper aus Long Island hat gerade sein fünftes Album „Bazooka Tooth“ rausgebracht. Sein letztes Album „Labour Days“ das auch schon auf Def Jux erschienen ist, wurde seinerzeit als das Underground-Album des Jahres gehypt.Dieser Underground-Kultstatus hatte auch zur Folge, dass er immer wieder mit Erwartungen konfrontiert wurde, die er nicht verstehen konnte. Die Underground-Dogmatiker konnten nicht verstehen, dass er auch kommerziell erfolgreiche Rapper wie Jay-Z gut findet. Zumal sein ungewöhnlicher und gewöhnungsbedürftiger Reimstyle zusammen mit seinen obskuren und komplexen Inhalten die Projektionssfläche um seine Person ins Reich der Freiheitskämpfer steigerte – und für ihn ins nicht mehr Nachvollziehbare. Denn er sieht sich selbst als Durchschnittsamerikaner, der eben gerne vor der Glotze hängt, Videogames spielt, Cheeseburger isst und sich eben gerade nicht für Politik interessiert und auch nicht die Welt verändern will. Auch die Welt zu bereisen interessiert ihn nicht: „Wenn ich nicht touren müsste, würde ich NY nicht verlassen. Nur um meine Freundin in Kalifornien zu besuchen. Als ich jünger war, haben mir immer alle erzählt: ‚Ich geh nach Prag zum studieren, ich geh nach Japan, ich fahr nach Afrika’ usw. Ich hab dann immer nur gedacht: cool, dass ich hier bleiben und Beats machen kann. Mich hat das nie interessiert. Und obwohl ich schon fast überall mal gewesen bin, hab ich immer noch nichts von der Welt gesehen. Das stört mich auch nicht, zu hause finde ich immer genug Dinge die mich verwirren und beschäftigen. Deshalb wähle ich nicht und deshalb ist mir auch alles egal.“

The end is coming

Dementsprechend enttäuscht waren dann auch viele als sie erfahren mussten, dass Aesop seit der High-School kein Buch mehr gelesen hat. Was nicht bedeutet, dass er desinteressiert oder sprachlos ist. Er liebt es, die Welt in der wir leben zu kritisieren: „So bald ich rappe, meckere ich. Der Lucy-Track (Labour-Days LP) über den mich immer alle was fragen, war mal eine Ausnahme“. Das hört man auch ganz besonders bei seinem eher schwer zugänglichen aktuellen Album über das er selber treffend sagt: „Alles zusammen genommen klingt es nach NY-City. Wie jemand der total im Großstadt-Stress ist und mit den Nerven am Ende. Just stressing the fuck out in NY-City. Das mag ich daran. Es portraitiert am besten eine Zeit in meinem Leben. Außerdem ist es vom Sound bisher das Beste.“ Aesop ist 27 Jahre alt und kam von Long Island nach Manhattan und dann nach Brooklyn. Er brachte die High-School hinter sich und machte dann einen Abschluss am Art-College. Er rappt seit zehn Jahren und produziert schon fast ebenso lange. Woher seine fast ausnahmslos düsteren Texte & Beatz kommen, wenn das Leben mit Videogames und Cheeseburgern so toll ist, bleibt nicht nur für Utopisten und Dogmatiker ein Geheimnis. Vielleicht liegt es daran, dass er alles andere als dumm ist, aber genügsam bis desillusioniert. Denn er rechnet ständig mit dem Ende: „Am 11.September habe ich alles hautnah miterlebt und ich dachte definitiv, dass es jetzt soweit ist und ich sterben würde. Mich interessiert Politik eigentlich nicht. Solange ich das machen kann was ich will, interessieren mich weder Wahlen, noch der Präsident. Aber der 11. September und Bushs Maßnahmen haben mich dann doch irgendwie beeinflusst, deshalb werde ich vielleicht zum ersten Mal im November wählen gehen, damit der Typ verschwindet. Ich bin schon davon überzeugt, dass es nicht mehr lange dauern wird bis die Cruise Missile durch mein Wohnzimmerfenster kommen wird, aber ich werde es nicht verhindern können. Ich könnte auswandern, irgendwohin wo es nicht so gefährlich ist, aber das mache ich nicht, denn New York ist mein Zuhause.“ Und sein Labelkollege RJD2 findet ihn deswegen sogar paranoid.

    

Must not sleep – must warn others

Obwohl Aesop auf ein Interview so viel Lust hatte, wie ein Vegetarier auf einen Beefburger, gab er schlicht, müde und unkompliziert sein Bestes. Dabei verdichteten sich die vermeintlichen Widersprüche auch noch, denn er hat ganz bürgerliche Zukunftsvisionen: Ein Haus am See mit Frau, Kindern und Hund. Und es gab einige Themen bei denen der scheinbar Schlafwandelnde erwachte. Zum Beispiel als ich ihn nach seiner gekonnten Unterschrift und Graffitiambitionen fragte: „Ich hab auch selbst rumgetaggt und gemalt. Ich war nicht sehr gut, aber ich hab kontinuierlich geübt. Habe Fotos gemacht um die Entwicklung zu verfolgen – die Sache weiter zu „studieren“. Mir war klar, dass ich nie der unglaubliche Graffiti-Writer werden würde. Ich wurde ein paar mal erwischt und das war es dann erstmal für mich. Musik war mir wichtiger. Aber da ich ja sowieso zur Kunstschule gegangen bin, habe ich viele Styles ausprobiert und Graffiti immer im Blick behalten. Ich habe sehr viel Respekt für gute Writer und Graffiti allgemein.“ Da wir ein gemeinsames Thema gefunden haben, hake ich noch mal nach um zu erfahren wie das State of Graffiti-in New York aus seiner Sicht ist. Er erzählt die bekannte Horrorgeschichte über NY und ihre Bürgermeister: „Bei Zügen geht weiterhin nichts. Die Bürgermeisterpolitik der 80er ist auch von den neuen Bürgermeistern weiterverfolgt worden. Auch von dem jetzigen: Blumberg. Vor einem Jahr haben sie uns verhaftet, weil wir einen Aufkleber auf eine Telefonzelle gemacht haben. So siehts aus.“ Ein Thema das auch angebracht scheint, ist das der Schlaffähigkeit. Denn er wirkt als hätte er gerade einen dicken Joint durchgezogen, obwohl das nicht der Fall war. Und? Genau: „Ich muss Schlaftabletten nehmen, aber sie wirken meistens nicht. Oft schlafe ich tagelang nicht und dann 15 Stunden am Stück…“ Hat das möglicherweise etwas mit seinem Tattoo ‚must not sleep – must warn others’ zu tun? „Es kommt in einem Track von mir vor. Es geht zurück auf eine Art verselbstständigten Running-Gag aus meiner Kindheit. Etwas, das ein Roboter sagen würde. Ich habe es als eine Art Philosophie für die ständige Alarmbereitschaft übernommen. Eine Art Nachricht wie du deine Freunde wissen lässt, dass Gefahr im Verzug ist. Und später machte ich dann einen Text darüber…“

              

Bei der nächsten Antwort bemerkt man dann verstärkt seinen entrückten Zustand, da er offensichtlich nur noch einige Schlagwörter aufnehmen kann. Es ist Zeit für die letzten Fragen: „Und wird DefJux auch bald eine Klamotten-Kollektion rausbringen, Aktionfilme und Pornos drehen, ein Restaurant aufmachen?“ Aesop antwortet sehr amerikanisch: „Ich hoffe sehr! Wir reden oft über Klamotten und so. Es wäre toll so eine Sache mit aufzubauen. Alles was wir bis jetzt gemacht haben, haben wir ohne Kompromisse durchgezogen und aufgebaut. Wir wollen das Unternehmen definitiv erweitern.“ Ich bin zuerst sprachlos und dann verzweifelt: „Aber alle machen doch dasselbe, habt ihr keine originellen, eigenen Ideen?“ Doch, das kommt auch vor: „Wir wollten eine DVD über meine US-Tour machen, aber ich fand das langweilig und wollte lieber einen Fotografen beauftragen, um einen Fotoband zu machen. Aber wir haben es nicht gemacht. Auch ein „Bazooka Tooth“-Videogame, war eine Idee – weil ich selber ständig spiele.“ Puuhh. Ich bin erleichtert und denke, dass er einfach übermüdet ist. Und sein letzter Satz versöhnt und verbrüdert mich auch wieder mit ihm: „Ich habe viele gute Ideen, die ich nie verwirkliche…“

Beaware 2004

Text erschien in Backspin #56, Juli 2004 & on air bei WiseUp! April 2004
Foto-Recources: phyxx, dirtyloop, defjux

www.definitivejux.net

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