Wiederentdeckt: Hito Steyerls Dokumentation „Die Leere Mitte“ (1998)

Während meines Studiums sahen wir in einem Seminar Hito Steyerls Dokumentation „Die Leere Mitte“, für die Arbeit an einem Artikel wollte ich aus dem Film einige Stellen zitieren und sah ihn jetzt nochmals. Damals war er schon ein zeitgeschichtliches Dokument, ihn nach acht vergangenen Jahren erneut zu sehen hat mich wieder genauso bewegt, weshalb ich etwas dazu schreiben wollte. So denn.

Die Filmemacherin, Künstlerin und Theoretikerin Hito Steyerl setzt sich in essayistischen Dokumentarfilmen, Texten und künstlerischen Arbeiten mit Fragen postkolonialer Kritik, Repräsentation und feministischen Perpektiven auseinander. Das Kunstmagazin „ArtReview“ listet Steyerl 2017 auf der jährlichen „Power100“-Liste als einflussreichste Akteurin des internationalen Kunstbetriebs.

Ein wichtiger Beitrag zum Thema Berlin und der Frage danach, wie Städte ausgrenzen und wen – ist Steyerls „Die Leere Mitte“ (1998), deren Ausgangspunkt die Baustelle am Potsdamer Platz im Berlin Ende der 1990er Jahre ist, wo ehemals der Todesstreifen lokalisiert war. Ein zentrales Thema der Dokumentation ist die Erkenntnis, dass dort, wo Grenzen niedergerissen werden, unverzüglich neue entstehen. Auch Zusammenhänge von politischer Macht und Architektur, sowie Ausgrenzung stehen im Mittelpunkt. Anhand der Geschichte der Baustelle, wo sich bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs noch das Zentrum der ‚deutschen‘ Macht befand und danach das Nichts der innerdeutschen Grenze als Manifestation des Kalten Krieges, wird aufgezeigt, wie neue Manifestationen der Macht entstehen. Und damit auch neue Ausgrenzungen, welche die alten in einer Art Variation zu wiederholen scheinen. Der Film räumt mit dem Propaganda-Märchen auf, das Niederreißen der Berliner Mauer habe die „Freiheit“ gebracht.

Auf der Baustelle Potsdamer Platz wird Dong Yang, ein Berliner Student asiatischer Herkunft befragt, der von Rechten verprügelt worden war. Er sagt: “Nach dem Mauerfall waren die Deutschen ganz aufgeregt, ich habe das Gefühl, dass sie vergessen haben, was sie sind. Für die Ausländer wäre es besser, wenn die Mauer noch da ist.“

Eine Offstimme berichtet, dass nach dem Fall der Mauer der leere Streifen zwischen den Mauern an Investoren verkauft wurde. Und nach zwei Monaten die ersten Bauten auf den Platz zurück kehren. Es sind Protestierende mit Zelten, die den Todesstreifen besetzen, denn – so eine anonyme Besetzerin „Daimler-Benz hat das Gelände geschenkt bekommen und wir wehren uns dagegen, dass wieder nur die Reichsten der Reichen solche Plätze bekommen. Da wird dann kein Platz mehr für Leute mit anderen Lebensansprüchen sein, es geht dann nur noch um die Kohle“.

So wie Dong Yang gehören die Besetzer, die vergeblich versuchen, einen Teil der „leeren Mitte“ für sich und die Allgemeinheit zu retten, zu den Ausgegrenzten der Nachwendezeit. Die Dokumentation wechselt zwischen historischen Rückblicken und Gegenwart. Die Erzählstimme berichtet über die Berliner Konferenz von 1875, wo der Einfluss der Großmächte verteilt werden soll. Und so am Balkan ein System von Pufferzonen, Satelliten- und Vasallenstaaten entsteht. Hier wurde das Fundament territorialer Streitigkeiten auf den Balkan verlegt, wo die Konflikte bis heute anhalten, so die Stimme aus dem Off. Ein paar Jahre später, 1884, findet die Kongokonferenz in Berlin statt, wo die Grenzen für Afrika festgelegt werden, und laut Erzählerin, ein historischer Meilenstein für die wirtschaftliche Plünderung Afrikas geplant und dann umgesetzt wird.

Wieder in der Gegenwart rückt die Baustelle erneut ins Zentrum und es wird gesagt, dass der Fall der Mauer großen Einfluss auf die Baubranche hatte, wo nun die Löhne sinken. Die Bauarbeiter des neuen Berlin demonstrieren 1997 gegen die Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte beim Umbau des Reichstags. Allerdings richtet sich ihr Protest nicht gegen die Arbeitgeber, die Ausländer für einen Hungerlohn für sich arbeiten lassen, sondern gegen die ausländischen Kollegen, die ja die Löhne kaputt machen würden. Ein Bauarbeiter sagt Kohl sei deutschfeindlich, denn er würde alles in das Land holen, was laufen kann und die deutschen Arbeiter würden ihre Jobs verlieren. Dies ließe sich auch nicht mehr friedlich klären, so ein anderer Bauarbeiter. Auch ein weiterer Bauarbeiter sagt, dass Gewalt sei die einzige Lösung sei. Die Bauarbeiter stürmen die Reichstagsbaustelle, wo sie ausländische Arbeiter vermuten und ihnen habhaft werden wollen. „Deutschland“ und „Ausländer Raus“-Rufe sind zu hören.

Es kommen wieder die Besetzer zu Wort, sie sagen, dass sie nicht mehr wissen, wie lange sie noch auf der Baustelle bleiben wollen und können, denn sie haben vor dem zunehmenden Nationalismus in Deutschland Angst, dieser sei mit dem Fall der Mauer einhergegangen und besonders in Ost-Deutschland angewachsen. In Ost-Berlin seien viele besetzte Häuser von organisierten Faschisten angegriffen worden. In einer späteren Sequenz  erscheinen die Besetzer erneut, diesmal sollen sie am nächsten Tag geräumt werden, sie kommentieren die Baupläne und vorgesehenen Gebäudekomplexe von Daimler-Benz. Modelle zeigen welches imenses Ausmaß das zukünftige Dailmer-Benz Areal hat. (Der Architekt Rem Koolhaas, war einer der Juroren des Potsdamer-Platz-Wettbewerbs, er bezeichnete die Pläne als „dilettantisch“ und ohne Vision für eine Stadt und verließ 1991 die Jury. Er blieb nicht eer einzige Kritiker. Beanstandet wurde u.a. die Schnelle der Veräußerung, die Vermeidung städtischen Planungswillens oder, dass die Investoren sogar Eigentums- und Hausrecht in einem öffentlich zugänglichen Stadtgelände erwarben. Anmerkung der Verfasserin)

Nun gibt es eine Rückblende zum Beginn des Zweiten Weltkriegs, es wird gesagt dass nun deutsche Arbeiter zunehmend durch ausländische Zwangsarbeiter ersetzt werden. Neue Grenzen und Hierarchien seien im Aufbau. Auch Mercedes beschäftigt Zwangsarbeiter.

Wieder eine zeitliche Überblendung katapultiert die Zuschauer*in zu den Abschiedsfeierlichkeiten der Besatzungstruppen. Nun, so die Offstimme, kehrt nach Berlin die Mitte zurück. Doch würden neue Grenzen nach innen und außen errichtet. Zeitgleich zu Abzug und Baustelle kommen mehrere hundert Menschen an den Grenzen Europas zu Tode. Sie ertrinken, sie ersticken, erfrieren oder verdursten. Wie die Mauertoten, deren weiße Kreuze und Namen nun im Film zu sehen sind, suchten sie ein besseres Leben.

Die Besetzer des Todestreifens werden gefragt, was sie erreichen wollen? Sie antworten, dass sie mitbestimmen wollen, was an diesem historisch belasteten Ort gebaut wird. Eine junge Chinesin erzählt, dass die Mauer nun zwar weg sei, aber dass eine Mauer territoriale Verhältnisse zwischen Menschen regeln würde und in dieser Funktion immer noch existiere. Aus dem Off wird berichtet, dass während die Mauer fällt und der ehemalige Todesstreifen zur Bebauung freigegeben wird, die Grenzen nun nach außen verfestigt werden. Und auch innerhalb Deutschlands würden National-Befreite-Zonen entstehen. Während im Inneren Vereinigung vorgegeben wird, findet nach außen Abgrenzung statt. Und dies habe an diesem Ort historisch ja bereits Tradition. Im Abspann gibt es glücklicherweise noch ein Zitat von Kracauer und ein paar humoristische Momente, so dass Mensch nicht völlig desillusioniert zurückbleibt.

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