Royal Bunker – Geh schnell, bevor du Pop-Musik wirst

Interview Bianca Ludewig | Foto Oliver Rath | Layout Georgee

Marcus Staiger hat lange darum gekämpft, dort zu sein, wo er jetzt ist. Obwohl er nicht der talentierteste Rapper seines Labels war, hat er selbst eine Art Starstatus erreicht. Unzählige Battles wurden von ihm moderiert. Kaum eine Diskussionsrunde über Hip-Hop kam ohne ihn aus. Seine direkte und gewollt saucoole Art, die sich auch in seinem Newsletter widerspiegelt, polarisierten ordentlich und prägten das Image des Bunkers. Dazu gehörte auch sein mit ordentlich Testosteron aufgeladener Idealismus – der vermuten liess, es gäbe noch 100 Jahre Royal Bunker. Denn die zwanghafte Bunker-Rebellion war oft anstrengend. Aber nur selten langweilig. Aber nichts ist eben nur so, wie es scheint. Und hinter dem Macher Staiger gab es auch immer den gut verwahrten Privatmenschen Marcus mit Frau, Kindern und Sinnkrisen. Nachdem Staiger nun mit K.I.Z. ein weiteres vorläufiges Hoch erreicht hatte, musste er feststellen, dass er die Branche, in der er tätig ist, nicht leiden kann. Nach zehn Jahren hat er einfach den Spass verloren und geht. Um ein letztes Mal für die Dreifaltigkeit von Härte, Ehrlichkeit und Konsequenz einzustehen. Im Hip-Hop wird er aber weiterhin präsent sein.

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UNSERE MRXIME WAR 50/50. DAS WAR DER ZWEITE GRUNDFEHLER VON ROYAL BUNKER. AUCH WENN ES EIN EHRENHAFTER ANSPRUCH WAR.“

Warum bist du damals von Stuttgart nach Berlin gegangen? Vermutlich nicht, um ein Label zu gründen, und wie kam es schlussendlich dazu?

1992 hatte ich eine Liebschaft in Hamburg, die Dame hat dann in Berlin ein längeres Praktikum gemacht, und wir dachten, das könnte perspektivisch besser klappen als Stuttgart/Hamburg. Damals wollte auch keiner mehr nach Berlin, das war gerade out, deshalb reizte es mich. Als ich mit meiner Tasche in Berlin ankam, machte sie dann gleich Schluss wegen einem anderen. Ich kannte hier niemanden, über drei Ecken bekam ich dann den Schlüssel zu einer Ieerstehenden Wohnung in Ost-Berlin. Da gab es einen Kohleofen, eine Matratze und einen Vorhang, mit dem ich mich zudeckte. Das fand ich eine Herausforderung und dachte: Hier bleibe ich. Ich machte dann die unglaublichsten Jobs vom Arbeitsamt und bei Zeitarbeitsfirmen, von Gerüstbau über Wäscherei bis Küchenhilfe – um nur einige Highlights zu nennen. Die HipHop-Kultur hat mich in meinem desolaten Zustand aufgefangen, die Fanzines und Radiosendungen wurden eine heilsame Abwechslung. Irgendwann war das Maß aber voll, dann wollte ich die Welt revolutionieren: Ich studierte Philosophie und Volkswirtschaft. Die Wirtschaft lag mir mehr – ich schaffte immerhin mein Grundstudium in BWL. Auf Jams hab ich dann nach und nach die ganzen Leute kennengelernt, dann kam eins zum anderen: Der Rest ist geschriebene Geschichte.

Hast du das Label eigentlich gegründet, weil du nicht so gut rappen kannst, oder hast du dich geopfert, weil niemand da war, der es durchgezogen hätte?

Beides. Ich konnte nicht so gut rappen, wollte aber Teil der Bewegung sein, da muss man ja was machen, um dabei sein zu können. Hip-Hop ist ja eine Macherkultur. Jedenfalls hab ich meine Rolle am Mikrofon nie so recht gefunden, obwohl meine Texte gar nicht so schlecht sind. Rap lebt aber auch von der Performance, und da hab ich nie die Haltung dazu entwickeln können. Nicht jeder muss und sollte Rappen. Die, die es sehr gut konnten, habe ich natürlich bewundert, und aus dieser Bewunderung heraus entstand sicher auch der Wunsch, sie zu unterstützen, denn damals hat sich ja niemand für Rap aus Berlin interessiert. Also haben Stefan Hülsmann, MK1, Savas und ich das Tapelabel Mikrokosmos gegründet, aus dem dann Royal Bunker wurde. Es wurde schnell klar, dass nur noch MK1 und ich die Labelarbeit machen wollten. Wir haben uns dann aber zu viel über Rap gestritten, weshalb ich dann Royal Bunker alleine weitermachte, er gründete die Booking-agentur Mikrokosmos.

Warum jetzt dieser Schlussstrich? War Royal Bunker nicht erfolgreich genug? Spielten finanzielle Aspekte eine Rolle?

Das Finanzielle spielt nur eine geringe Rolle, obwohl es nie toll ist, unter finanziellem Druck zu arbeiten. Um von Musik leben zu können, musst du damit erst mal reich werden, das begreifen die meisten nicht. Du musst mindestens 8000 Tonträger verkaufen, um davon ein Jahr leben zu können, da musst du ja erst mal hinkommen.

Aber auch die Rapper auf deinem Label haben ja so getan, als wäre das ganz einfach mit dem Geldverdienen, obwohl sie es besser wussten. Weshalb Jüngere dann eben dafür die Schule oder Lehre schmeißen und sich dann wundern. Damals waren wir doch alle Zulu. So hippiemäßig mit Holz- und Lederketten. Dann kam Amerika auf den Mode-BIingßling-Trip mit seltsamsten Auswüchsen. Dann wollten hier auch alle so sein, dabei ist Amerika doch ein viel größeres Land, da verkaufen unbekannte Independent-Rapper 30 000 Platten. Das schaffen hier ja nur noch selten die Bekanntesten. Und sich von seinem Verlagsvorschuss ein Auto zu kaufen und dann pleite zu sein, ist auch nicht big pimpin, sondern traurig. Amerika gibt eben den Takt vor. Samy’s Nierdergang begann doch, als er mit diesem Ami-BIingBling-Film anfing. Seitdem ist Hip-Hop doch zur Pepper-Musik verkommen, genau der Style und Schlag,Okay, warum also hörst du auf – eben doch nicht nur aus finanziellen Gründen?

Diese Zuspitzung auf eine Person, sei es medial oder arbeitstechnisch, ist nie gut. Es war immer nur ich, der Geschäftliches, Künstlerisches oder sogar Freundschaftliches klären musste. Bei K.I.Z. läuft es jetzt ja anders, sie haben zusätzlich einen eigenen Manager, und das macht sich positiv bemerkbar. Ich war auf mich gestellt, viele dachten wahrscheinlich, ich wollte das auch so … Ich habe das tiefe Gefühl: Es reicht jetzt einfach. Mir fehlt schlicht der Antrieb. Ich habe keinen Spaß mehr dabei, und das schon seit längerer Zeit, dann muss man aufhören. Ich will jetzt meine eigenen Videos machen und meine eigene Homepage gestalten. Wieder mehr Schreiben. Ich habe zehn Jahre lang andere Talente gepusht, jetzt bin ich dran. Ich habe meinen Teil für Rap in Deutschland geleistet.

Du hast oft von den Regeln des Kapitalismus gesprochen. Inwieweit bestimmen sie Rap? Was ist tatsächlich deine Meinung dazu, mal ganz ehrlich und konsequent – ohne überzogene Doppeldeutigkeit und Wortverdreherei?

Der Kapitalismus ist dumm, eine Art Kakerlake ohne einen einzigen ideologischen Grundsatz. Es geht nur um Gewinnmaximierung, aber kann die eine Ideologie sein? Der einzige Philosoph, der den Kapitalismus je verstanden hat, war Karl Marx. Was ich nie machen wollte, ist ein staatlich gefördertes Sozial- oder Kulturprojekt, denn was wir gemacht haben, war wichtig, und wir müssen uns unseren Aufgaben in diesem System stellen, um zu überleben. Wenn es nicht funktioniert, hat es einfach keine Bedeutung, dann muss man aufhören. Aber im Gegensatz zu vielen großen Unternehmen wie Nokia in NRW oder der Deutschen Oper, die nur mithilfe staatlicher Subventionen existieren, konnte Royal Bunker überleben.

Was kommt jetzt, wirst du wieder mehr journalistisch arbeiten?

Ich werde mehr schreiben, will Bücher veröffentlichen, mich ins Blog-Universum einklinken. Als Blog oder Webseite wird es Royal Bunker auch weiter geben. Ich würde gerne Reisereportagen schreiben – da hinfahren, wo es wehtut.

Was kann man vom abschließenden Sampler erwarten? Die letzte RB-Message?

Es wird eine Best-of-Compilation, wo es viel Altes geben wird, da das die meisten nicht mehr kennen. In diesen zehn Jahren haben wir schon einen großen kulturellen Einfluss geschaffen, der sich auf der Compilation widerspiegeln wird. In jeder Ausgabe einer deutschen Hip-Hop-Zeitschrift ist mindestens ein Künstler, der was mit mir zu tun hatte, das wird dieser Sampler verdeutlichen.

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