DE LA MENTE – Hiphop in Chile

Wenn man Hip-Hop mag und nach Chile reist, dann bemerkt man
sofort, dass dort Hip-Hop geliebt und gelebt wird. Über den
Hip-Hop in Chile kann man allerdings nicht berichten, ohne von
dem Land zu erzählen, in dem diese eigensinnige Variante des
Rap praktiziert wird. Denn sowohl die Vertreter der New School
wie auch der Old School des Rap in Chile wurden durch die
schwierige politische Vergangenheit des Landes geprägt. Der
chilenische Hip-Hop ist ein Mittel für die nachwachsende
Generation, um das Geschehene zu verarbeiten und den für viele
harten Alltag zu bewältigen.

          

Zunächst ist Chile geographisch außergewöhnlich: Man kann dort 38 Breitengrade durchqueren. Angefangen in der trockensten Wüste dieser Erde und endend am arktischen Südpol. Durch seine unruhige Geographie ist Chile sehr erdbebengefährdet, und unsereins ist erstmal verdutzt, wenn er die ersten Male gefragt wird: „Ey, fühlst du das auch?“ Auf das eigene „Häh?“ wird einem dann verständnisvoll erklärt: „Merkst du’s denn nicht – die Erde bewegt sich!“ Denn in Chile gibt es pro Jahr zwischen 500 und 2000 Erdstöße, die man als Chile-Unerfahrener gar nicht wahrnimmt.
Die wirklichen Erschütterungen jedoch waren nicht geographischer, sondern stets politischer Natur. Im Jahre 1470 begann die Verdrängung der Mapuche, der größten Gruppe der ursprünglichen Bewohner Chiles, durch die Inka. Im 16. Jahrhundert kamen die spanischen Konquistadoren, und danach die USA. Die Kooperation von US-amerikanischen Kräften und der rechten chilenischen Macht-Elite spielten eine maßgebliche Rolle beim Militärputsch 1973 und der Entwicklung Chiles überhaupt.

Heute, während von den Oliven bis zum Computer alles in Chile aus dem Ausland kommt, gibt es dort noch etwas, das zwar ehemals importiert wurde, aber inzwischen wie auch das Spanisch der Eroberer zu etwas eigenständig Chilenischem transformiert wurde und vermutlich in der Zukunft selbst bald Exportgut sein wird: Hip-Hop.

Ende der 80er, Anfang der 90er gelangte mit dem US-amerikanischen Fernsehen Hip-Hop in die Augen und Ohren der von der Diktatur kulturell eingeschränkten Jugend. Breakdance hieß die neue Leidenschaft einer kleinen Gruppe von besessenen Chicos, nachdem man „Beatstreet“ gesehen hatte. Schnell bildete sich eine kleine Hip-Hop-Gemeinschaft, die sich Samstags in der Calle Bombero Ossa zum Breaken und Rappen traf. Heute, nach einer Zeitspanne von gut zehn Jahren, findet man in Chile ein beachtliches Potenzial an Freestyle-, Beatbox- und Breakdance-Aktivisten. Viel zäher und schwieriger entwickelten sich im Gegensatz dazu die DJ-Kultur und das Bauen von Beats, gefolgt vom Sprühen. Dies wiederum ist so aufgrund der wirtschaftlichen Gegebenheiten in Chile, denn unter all den Hip-Hop-Disziplinen sind dies diejenigen, für die man das meiste Geld benötigt. Beatboxen, Rappen und Breaken kostet ja nichts. Und das ist wichtig, denn der gesetzliche Mindestlohn liegt bei 230 Euro, während ein Liter Milch zirka 50 Cent kostet, ein Kilo Brot rund 60 Cent, eine Schachtel Zigaretten um die 1 Euro 50 und ein Liter Bier um die 75 Cent. Sowas wie eine Arbeitslosenversicherung gibt es nicht, aber man kann fast überall in Raten bezahlen.

Angesichts dieser Umstände ist es nachvollziehbar, dass man bis mindestens 25 oder bis zur Heirat noch bei seinen Eltern wohnt. Dort, in den kleinen und ärmlichen Jugendzimmern der „Poblaciones“, den Armenvierteln Chiles, besser gesagt auf deren Straßen, entsteht feiner Rap, der außerhalb von Chile schwer zu finden ist. Diese ausgedehnten Armenviertel sind in gewisser Hinsicht befreite Gebiete, deren Bewohner, abgehärtet von der Armut, eine erstaunliche, labyrinthische Kultur entwickelt haben, und Polizei und Armee überlegen es sich zweimal, ehe sie sich dorthin wagen, denn dort müssen sie sich mit einfallsreichen Formen des Widerstands auseinandersetzen.

„Vieja Escuela“ – die Roots des chilenischen Hip-Hops

Zu dieser Vieja Escuela, der „alten Schule“, gehörten neben anderen La Pozze Latina, Los Marginales, Panteras Negras und die Breaker Gravedad Zero. Vor allem die Philosophie des „Selbermachens“, die man in Chile bisher nur von den Punx kannte, sprach die Teens und Twens an, die ihre Kindheit unter der Diktatur verbracht und die Nase voll hatten von Fremdbestimmtheit. Für die Chilenen stand es nie zur Debatte, etwa auf Englisch zu rappen, da in der Hip-Hop-Szene logischer-, aber auch paradoxerweise ein gewisser Anti-Amerikanismus verankert ist, kaum jemand spricht freiwillig Englisch. Man spricht eben Chileno und hat seine eigenen Ausdrücke für alles, was von Wichtigkeit ist.

Wirft man einen Blick auf die jüngere Geschichte Chiles, so fallen einem schnell Zusammenhänge auf, die bei dem Versuch einer Erklärung von Nutzen sein könnten:
Im Jahr 1970, als sich der Sozialismus auf dem nordamerikanischen Kontinent keiner großen Beliebtheit erfreute, wählte das chilenische Volk in einem unverzeihlichen Akt schlechten Benehmens die Unidad Popular und damit Salvador Allende zum Präsidenten. Die Unidad Popular war ein Zusammenschluss linker Parteien; Allende selbst gehörte der Sozialistischen Partei Chiles an, die, gemessen an internationalen Maßstäben, heute eher mit den Sozialdemokraten als mit den Sozialisten zu vergleichen ist. Allende proklamiert nicht nur den gewaltfreien, „demokratischen Weg zum Sozialismus“, sondern nationalisiert auch den chilenischen Kupferbergbau und damit die umfangreichsten Kupferreserven der Erde, die bis dahin fest in nordamerikanischer Hand lagen. Außerdem kündigt er die baldige Verstaatlichung der Telefone und Leitungen der International Telefone and Telegraph Corporation (ITT) an sowie eine grundlegende Veränderung der Produktionsstruktur. Weiterhin fordert er einen halben Liter Milch für jedes Schulkind. In Washington erklärt Außenminister Kissinger: „Ich wüsste nicht, warum wir tatenlos zusehen sollten wie ein Land kommunistisch wird, bloß weil seine Bevölkerung unverantwortlich ist.“

Auch Präsident Nixon fühlt zu Taten gedrängt; die Central Intelligence Agency (CIA) wird damit beauftragt, das Schlimmste zu verhindern: dass Allende sein Amt antritt. Der Versuch, zu verhindern, dass Allende die notwendige Bestätigung durch das Parlament erhielt, schlug indessen fehl, und so wird Allende wenig später ratifiziert und das erste demokratisch gewählte sozialistische Staatsoberhaupt in Lateinamerika.

          

Nun nimmt unsichtbares Wirtschafts-Embargo seinen Anfang. Massiver internationaler Kapitalabzug und gesteuerter Verfall der Kupferpreise sind die folgenden internationalen Zwangsmaßnahmen durch Einfluss der US-Regierung. Außerdem wird internationaler diplomatischer Druck in Kombination mit Negativ-Propaganda gegen Allende aufgebaut, was Allendes Regierung schnell diplomatisch isoliert.
Ab Ende 1972 wachsen die wirtschaftlichen Spannungen, und die chilenischen Unternehmer und Kleinkapitalisten rufen zu einem Aufstand und zu Streiks gegen die Regierung Allende auf, was auf offenen Widerstand der Mehrheit der Arbeiter trifft. Sie antworten mit der Besetzung fast aller Unternehmen und nehmen sie unverzüglich wieder in Betrieb. Besonders der ausgedehnte Streik der Lastwagenfahrer, die während des Streiks von der Gewerkschaft den vierfachen Lohn erhielten – in Dollars ausbezahlt, da vom CIA finanziert –, zermürbte die wirtschaftlich fragile Situation Chiles immens.

Trotzdem erhält die Unidad Popular bei den Wahlen im März 1973 entgegen den Hoffnungen der Opposition 44 Prozent der Stimmen. Nun war jede Möglichkeit, Allende durch das Parlament abzusetzen, versperrt – Startschuss für das Militär, das am 11. September 1973 unter Führung von General Augusto Pinochet die Regierung stürzt. Präsident Allende lehnt den Rücktritt und auch das Angebot auf freies Geleit ins Exil ab und bezahlt diese Standhaftigkeit mit dem Leben. Er bleibt nicht der Einzige, bis zum Ende des Monats werden mehrere Tausende Anhänger Allendes ermordet. Die ganze Macht wanderte nun in die Hände einer vierköpfigen Militärjunta, die wie auch die Geheimpolizei Pinochets mit Ausnahme ihres Anführers in der School of the Americas (SOA) ausgebildet worden war, in der seit rund 55 Jahren nicht nur Militärs der USA geschult werden, sondern auch militärische Führungskräfte und Diktatoren für ganz Lateinamerika. Sie wurde im Jahre 2001 aufgrund ihres international schlechten Rufes euphemistisch umbenannt in Western Hemisphere Institute for Security Coorporation (WHISC). Die SOA hat durch die Ausdehnung ihrer extremen Folter- und Kriegsführungsmethoden auf Verwandte und den Beschuldigten Nahestehende in Lateinamerika eine neue Dimension der Gewalt etabliert.

Anpassung oder Exil

Für die Gegner Pinochets und ihre Familien begann eine harte Zeit. Die Haftanstalten waren schnell überfüllt, kurzfristig wurden Fußballstadien und stillgelegte Salpeterminen zu Gefängnissen umfunktioniert. Tausende von Verfolgten verschwinden für immer. Chile bekam Pinochet – und der Rest der Welt eine Menge Exil-Chilenen, die dann aus der Not heraus mit uns in die Grundschule gingen, unsere Mitbewohner, Arbeitskollegen oder Freunde wurden. Aber der Sturz Allendes löste auch internationale Freude aus: Vor allem freute sich die Wirtschaft, wenige Tage nach dem Staatsstreich war in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen: „Chile – jetzt investieren!“ Drei Wochen nach dem Coup gewährte Nixon 24 Millionen US-Dollar in Form von Krediten an Chile.

Die inhaltlichen Schwerpunkte der Politik des Militärs waren: Ausbau des Staats zum politischen Kontrollapparat, Rückgängigmachung der Agrarreform, Reprivatisierung der Wirtschaft und ihre Öffnung hin auf den Weltmarkt. Um die praktische Umsetzung ihrer Pläne zu verwirklichen, schuf sich die Militärdiktatur in den Verfassungsakten eine legalistische Grundlage, außerdem galt seit dem Putsch der Ausnahmezustand, der dem Militär durch verstärkte Exekutiv-Vollmachten Eingriffe in die chilenischen Grundrechte ermöglichte. Mit einer neuen Verfassung wollten sich die Militärs einen dauernden Einfluss auf die Politik des Landes sichern, zunächst jedoch die bestehenden Machtverhältnisse festschreiben. Gegen den Widerspruch der verbotenen Parteien, die einen eigenen Entwurf vorgelegt hatten, erfolgte im Jahr 1980 die Annahme der neuen Verfassung durch eine äußerst umstrittene Volksabstimmung – Ergebnis: 67 Prozent Ja-Stimmen. Der Verfassungsentwurf bestand aus zwei Hauptteilen. Der eine Teil stellt die endgültige Verfassung dar, die im März 1989 in Kraft treten sollte, zu bestätigen durch eine Volksabstimmung. Der zweite Teil bestand aus der Regelung der „Übergangszeit“ bis 1989. Der seit dem Putsch geltende Ausnahmezustand wurde durch Ausrufung des Notstands, nach Einführung der neuen Verfassung verlängert, wodurch andauernde Verletzungen der bürgerlichen Grundrechte legalisiert wurden. Durch „Verfassungsänderungen“ verschaffte sich Pinochet auch die rechtlichen Vorraussetzungen, um General-Amnestie für sich und die seinen zu diktieren, was jede Strafverfolgung der Verbrechen von 1973 bis 1978 unterbindet.

Chilenische Freiheit: Die Wahl zwischen Chivas Regal und Johnny Walker

Wer nicht im Gefängnis landet, für immer verschwindet oder gezwungen wird, ins Exil zu gehen, darf jetzt wenigstens ordentlich einkaufen, wenn er das Geld hat. 1983 kann man den chilenischen Wirtschaftsminister im Fernsehen bewundern, wie er die Chilenen ermuntert, von der Handelsfreiheit Gebrauch zu machen. Die Demokratie besteht in der Wahl zwischen Chivas Regal und Johnny Walker Black Label. Alles wird importiert. Bis zur Zeit der Regierung Allende war Chile ein bescheidenes Land gewesen. Um einen glanzvollen Eindruck plötzlichen Wohlstands zu vermitteln, reprivatisierte die Militärjunta alles, was ging, und verkaufte das Land an das Privatkapital und multinationale Gesellschaften. Innerhalb von fünf Jahren wurden mehr Produkte importiert als in den zweihundert Jahren zuvor. Die Auslandsverschuldung wächst um das Sechsfache.

Dann zwingt das Ergebnis des Volksentscheids von 1988, der die Verfassung und damit die Diktatur eigentlich bestätigen sollte, mit 54 Prozent Nein-Stimmen Pinochet, sein Amt niederzulegen. Durch die Verfassung jedoch hatte er sich bereits zum Senator auf Lebenszeit und zum Oberkommandierenden des Heeres für die kommenden Jahre gemacht.

1989 wurden wieder die ersten Parlamentswahlen durchgeführt, in denen die „Concertacion“, eine große Koalition aus Christdemokraten, Sozialdemokraten und anderen, gewann. An der Wirtschaftspolitik allerdings veränderte sich wenig. Mittlerweile sind alle staatlichen Unternehmen ans Ausland verkauft. Auch wenn offiziell Demokratie herrscht, sind alle wichtigen Stellen in Wirtschaftsbetrieben, Verwaltung und Justiz immer noch von Militärs besetzt.

Der chilenische Verteidigungsminister erklärte 1999 bei der Eröffnungssitzung des Dialogprozesses zur Aufklärung der Menschenrechtsverbrechen unter Pinochet, an dem die katholische Kirche, die Regierung, Generäle der vier Waffengattungen und einige wenige Menschenrechtsanwälte beteiligt wurden, scharfsinnig: „Das kulturelle Gewebe der chilenischen Gesellschaft hat Schaden genommen – und es bedarf eines Beweises von Kultur und Zivilisation, das Zusammenleben in unserem Land wieder möglich zu machen.“ – „Einzelne Agenten staatlicher Organisationen agierten in einem Moment der Verwirrung“, hieß es dann schlicht im Abschlussdokument der Untersuchungskomission. Diese Ansicht teilt nun auch der Oberste Gerichtshof in Chile, der – mit vier zu eins Richterstimmen – das Verfahren gegen den heute 86-jährigen Augusto Pinochet am 2. Juli 2002 endgültig einstellte, da eine Verhandlung aufgrund seines schlechten geistigen und körperlichen Gesundheitszustands nicht möglich sei. Bleibt die Frage, wann diese heute scheinbar offensichtliche geistige Verwirrung bei den Protagonisten des Putsches begann?

Am 10. Juli 2002 hat Pinochet im Senat unter Protest sein letztes politisches Amt niedergelegt, da es wohl doch zu offensichtlich ist, dass man nicht gleichzeitig geistig verwirrt, körperlich funktionsunfähig und gleichzeitig Senator sein kann. Dass Pinochet unbestraft blieb, ist ein Zynismus, der die Gefolterten und die Angehörigen der Ermordeten und Verschwundenen zutiefst verbittert. Jedes Jahr im September wird der Jahrestag des Putsches von den Angehörigen der Opfer und dem politischen Spektrum von Mitte-Links bis ganz Links als Erinnerung an die Tragödie begangen. An diesem Tag feiern auch die ehemaligen Protagonisten, in Uniform oder Nadelstreifen, ihre zweifelhaften Heldentaten. Und so kommt es auf den Straßen Santiagos, besonders in der Gegend des Zentralfriedhofs, Jahr für Jahr im September zu Straßenschlachten.

   

Hip-Hop – Leben nach der Diktatur

Pinochet und die Frage der Menschenrechte haben in Chiles Nachdiktatur-Gesellschaft einen tiefen Graben hinterlassen. Denn auch Pinochet hat immer noch viele Anhänger in der chilenischen Bevölkerung; was vielleicht erklärt, warum sich auch der Faschismus in Chile großer Beliebtheit erfreut und man auf Märkten in Santiago Stände findet, wo es für den Fascho – bis zur Hakenkreuzarmbinde – rein alles zu kaufen gibt. Es erklärt vielleicht auch, warum Tausende von Jugendlichen linksorientierten Hip-Hop machen, und womöglich auch, warum die Polizei in Chile so gefürchtet ist. Auch sollte nun verständlicher sein, warum in Santiago nicht auf Englisch gerappt wird. Man rappt auf Spanisch über die Abwesenheit von Geld, die Polizei und die Frauen – auch über Allende, Pinochet, Verschwundene, die Mapuche-Indianer, das Leben mit Repressionen etc. –, aber vor allem immer auf der Straße. Stadtteile wie Renca, Cerro Navia, Macul, Pedro Aguirre Cerda oder La Florida sind durch die Straßenpräsenz der Hip-Hopper zu Referenzorten in der chilenischen Hip-Hop-Geschichte geworden. Im Gegensatz zum westeuropäischen und US-amerikanischen Hip-Hop, der ja so gerne das Leben auf der Straße glorifiziert, das man selbst gar nicht kennt, lebt der Hip-Hop in Chile von und auf der Straße. Tonio von den Panteras Negras, einer der alten Hasen, der schon seit 1984 dabei ist, erklärt es anhand der Vergangenheit: „Durch die Diktatur und die Repression mussten wir auf viele Dinge wie zum Beispiel freie Meinungsäußerung, Menschenrechte oder auch öffentlichen Raum verzichten, dadurch hatten wir nach der Diktatur viel zu verarbeiten und zu lernen, deshalb ist der chilenische Hip-Hop ,de la Mente‘ – ,aus dem Verstand‘. Es gibt unglaublich viele verschiedene Gruppen und Stile in Chile, aber alle sind politisch. Der chilenische Hip-Hop ist auch der direkteste und deutlichste in Lateinamerika. Die Jüngeren profitieren von unseren Erfahrungen und sind dadurch schlauer und schneller.“

              

„Nueva Escuela“ – Major oder nicht?

Mitte der 90er Jahre beginnt die Zeit der Nueva Escuela. Inzwischen ist auch Graffiti mit renommierten Crews wie Ninos Con Spray (NCS) und Children With Problems (CWP) weit vorn. Man trifft sich jetzt in der Estacion Mapocho, da es in der Calle Bombero Ossa für die gewachsene Hip-Hop-Community zu eng geworden ist. Die Polizeibesuche waren dort noch nicht zur Regel geworden, sodass man ungestörter üben und aktuelle Informationen sowie rare, wichtige Hilfmittel (Zeitschriften, Videos, Computerprogramme, Caps und so weiter) austauschen konnte.

In der neuen Schule des Rap bleibt man politisch, ist weniger direkt, dafür aber poetischer; die Instrumentals sind jetzt komplexer und von besserer Sound-Qualität. Mittlerweile ist die Szene schon richtig groß und bereichert durch viele, die aus dem Exil zurückkamen und Hip-Hop-Experience und Einflüsse aus anderen Ländern mitbrachten. Dazu gehören auch Mitglieder von DMS (Demos Sapiens), Rapper und Rapperinnen von Makiza, den Corrosivas und Tiro de Gracia.

Tiro de Gracia ist ein empfindlicher Punkt in der chilenischen Hip-Hop-Geschichte. Jeder kennt sie, von den einen werden sie verehrt, von den anderen verachtet. Das kommt daher, dass mit der ersten CD von Tiro de Gracia auf EMI Hip-Hop in Chile massenkompatibel wurde: „SerHumano“ („Menschsein“), mit MTV-Logo auf dem Cover, wurde 70 000-mal verkauft. Das war 1997, und viele sagen, dass es die „Zuschauer“ und das Misstrauen in die Szene gebracht habe, und man fing an, über Ideologie und das „Realsein“ zu reden. Die Label gingen auf Talentsuche, und der Streitpunkt, ob Major oder nicht, erhitzte die Gemüter. Weitere Bands wurden von Majors gesignt: Makiza, Frequencia Rebelde, DJ Raff und Rezonancia gingen zu Sony und Tapiarabiajackson unterschrieben bei EMI. Allerdings konnte sich nur Makiza (heute Nemisis) an die erhofften Verkaufszahlen annähern. Der Zwist in der Szene und der ausbleibende Erfolg bei den Majors gaben den Anstoß für viele Gruppierungen innerhalb der chilenischen Rap-Szene, sich neu zu orientieren und unabhängig zu arbeiten. Man nutzte alternative Medien wie das freie Radio Villa Francia, das als erstes unabhängiges Radio und ehemaliger Piratensender mit seinen Hip-Hop-Sendungen einen großen Beitrag für die Underground-Hip-Hops leistete. Mayda, deren Sohn eine der Hip-Hop-Sendungen mitgestaltet, ist von Anfang an dabei. Sie war 14, als sie unter Pinochet gefoltert und für mehrere Jahre inhaftiert wurde. Für ihre bleibenden körperlichen Schäden wurde sie von der Regierung mit einem Stipendium für ihren Sohn entschädigt.

            

In Santiago versucht man inzwischen, mit kleinen Labels und eigenen Vertrieben ans Ziel zu kommen. Calambre bewies, dass es funktionierte, und verkaufte selbstverwaltet 1500 Kopien ihres Debuts „Avanza!“. Die ersten Kreisläufe eigenständig vertriebener Kassetten und CDs entstanden und mit ihnen die ersten auf Hip-Hop spezialisierten Läden. Der älteste Hip-Hop-Store in Santiago und laut eigener Aussage auch in ganz Südamerika ist Otra Vida, „Anderes Leben“. Nachdem sich Hip-Hop 1996 in Chile explosionsartig verbreitet hatte, verkaufte Nelson alias Zekis auf der Straße Caps, Videos und Hip-Hop-Zeitschriften. Anfang 1998 entschied er, mit Kollegen einen Laden aufzumachen. Otra Vida ist einer der ganz wenigen Orte in Santiago, wo Vinyl aus Frankreich, Spanien und den USA verkauft wird, ein Album kostet allerdings zwischen 20 und 30 US-Dollar, eine nationale Vinylproduktion gibt es in Chile nicht. Zekis ist nebenbei auch DJ, aber hauptsächlich Graffitero, wenn er noch die Zeit dazu findet. Pablo, der bei Otra Vida arbeitet, ist Sohn von Exil-Chilenen und geboren in Frankreich. Er ist einer der Rapper der Gruppe „De la Mente“ und sagt über sie selbst, sie seien alte Schule, aber ihre Musik sei chilenische neue Schule. Es ist die einzige CD mit chilenischem Hip-Hop, die es dort zu kaufen gibt. Otra Vida ist die Anlaufstelle der alten Schule, die dementsprechend nach Oldschool verlangt und mehr Kaufkraft besitzt.

Einige der neueren Hip-Hop-Läden und damit auch Treffpunkte für internationale Hip-Hop-Adictos haben sich zwischen Skateboard-Shops, Punk-Läden und Tattoo-Studios im Eurocentro nahe des Plaza de Armas angesiedelt, wo alles immer sauber und bewacht ist und wo rechte Parteien gerne um Unterschriften werben. Dort ist auch Kultura HipHop/Kalimba zu finden. „Kultura HipHop“ heißen der Laden und die Zeitschrift, und Kalimba ist eines der unabhängigen kleinen Label, die Hip-Hop – hauptsächlich aus Santiago – herausbringen. Eigentlich war Marchelo bloß Rap-Fan, da er lange in Spanien gelebt hatte, wo man Rap und Breakdance schon früher kannte. Der Mangel an Tonträgern und eigenen Strukturen brachte ihn 1998 auf die Idee, einen Laden aufzumachen. Kurz darauf fing er mit der Zeitschrift an, da es kaum nationale Hip-Hop-Magazine gab.

Heute ist Kultura Hip-Hop zum Knotenpunkt für die jüngeren Raperos und Graffiteros der zweiten Generation der Nueva Escuela geworden. Neben erschwinglichen Kopien der großen internationalen Idole wurden dort auch die neuesten Tapes der lokalen Helden angeboten. Viele neue Gruppen wollten ihre Home-Recordings „politisch korrekt“ veröffentlichen, und so wurde in dem sechs Quadratmeter kleinen Laden das Label Kalimba gegründet. Mariella und Marchelo machen fast alles allein: Sie sind Chauffeur, Bürokraft, Verkäufer, Organisator, Fotograf, Hotel, Vermittler, Manager, Promoter, Herausgeber. Noch dazu sind sie die besten Zuhörer und Erzähler, und nebenbei haben sie noch zwei Kinder zusammen. Auf Kalimba sind grandiose Veröffentlichungen erschienen, etwa Proyecto Armado Con Odio, Corrosivas, Distorcion Lyrical, Nueva Allianza, Calambre, Maestro, Mantequilla Digital, ANTIFAZ, Fuerza HipHop, Legua York und viele mehr. Auf die Frage, wieviele Gruppen es denn überhaupt in Santiago gibt, bekommt man nach einer endlosen Aufzählung von Namen widerwillige Schätzungen: um die 500.

   

Die Raperos und Raperas in Santiago scheinen alle sehr offen, herzlich und besonnen. Auf die Frage, was denn die Probleme des chilenischen Hip-Hop seien, sagt Alex von Mantequilla Digital: „Aufgrund unserer Vergangenheit haben wir Identitätsprobleme, die jungen Chilenen kennen nicht mehr die wahre Geschichte ihrer Vergangenheit, denn die Vergangenheit ist Tabu, und das erschwert unsere Identitätsfindung.“ – „Deshalb gibt es so viele, die nicht wissen, wo der Ball ist, es fehlt an Bewusstsein, und das wollen wir mit unseren Texten vorantreiben. Hier verändert sich jetzt viel, denn früher hat hier niemand chilenischen Hip-Hop gehört“, schlussfolgert Albaro von Distorcion Lyrical.

Wer schon mal in Erwägung gezogen hat, nach Chile zu fahren, muss sich darauf gefasst machen, seine Skillz hart auf die Probe gestellt zu sehen, denn im Straßenvollkontakt ist man hierzulande ja nicht mehr so geübt, auch die Power und Motivation der Chilenen sind nur schwer einzuholen. Unerreichbar weit vorn sind die Skillz in Sachen Gastfreundschaft und zwischenmenschlicher Kommunikation. Furchtlose können sich auf tage- und nächtelanges Stylen, Interviews bei Radiosendungen, wöchentliche Hip-Hop- und Reggae-Konzerte, Polizeirepressionen, Smog und traurige Abschiede vorbereiten. Unbedingt Fatcaps, Graffiti-Mags, Aufkleber und einheimisches Vinyl mitbringen! Den Hamburg-City-Blues kann man zu Hause lassen.

www.infotech.cl/hiphop

beaware 2002
Der Artikel erschien im September 2002 in der Backspin #37
Fotos: beaware

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