Writing The Memory Of The City – Daniel Tagno

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„Die Erkenntnis der Notwendigkeit von Reanimation“ in „Writing The Memory Of The City“ zeigt die Entwicklung und Dualität des Bombers COST und dem Künstler Daniel Tagno. Wenn der wilde Writer COST in Aktion ist, kommt Daniel Tagnos rastloser Geist zur Ruhe. Dennoch entsteht auch Angst, wenn der Writer auf den eher weichen Künstler trifft. Oft haben beide unvereinbar scheinende Wünsche. Deshalb schreibt Tagno einen Liebesbrief an seinen Alter Ego COST. Diese persönliche Perspektive auf einen inneren Konflikt, kann auch stellvertretend für viele Künstler in dem Buch verstanden werden. Weil Tagno eine Brücke vom klassischen Train-Writing zum Kunstbetrieb schlägt, ist er der erste vorgestellte Künstler in dem Buch von Markus Mai und Thomas Wiczak, das Ende letzten Jahres beim Dokument Förlag erschien.

       

Was versucht das Buch zu zeigen, worum geht es bei „Writing The Memory…“?
Das Buch zeigt eine aktuelle Bestandsaufnahme. Fünfzehn Berliner Writer an ihren persönlichen Wendepunkten, die eine bewusste Infragestellung des Konformen beinhalten. Die Künstler im Buch sind meist keine klassisch ausgebildeten Künstler, sondern ihre gemeinsame Wurzel ist Writing. Man malt immer noch seinen Namen, aber jeder hat auf seine Art weiter gesucht. Viele haben sich mit dem Kunstbetrieb auseinandergesetzt. Vielen geht es dabei nicht mehr ausschließlich um das Malen oder die reine Form des Buchstaben, sondern um Konzepte mit denen Raum okkupiert wird. Konzepte um Writing schlussendlich in die Geschichte des Kunstbetriebes zu installieren, eine gebombte Neubewertung von Kunstgeschichte. Hier wird die Entwicklung einiger Künstler genauer betrachtet und wie in einem Sketchbook, konnte jeder Künstler seinen Abschnitt selber gestalten. Das Buch hat den Anspruch tiefer und weiter als bisherige Bücher in die Materie zu gehen ist, ohne die Writer aus den Augen zu verlieren.

Was ist die Notwendigkeit von Reanimation?
Reanimation bedeutet COST hat mal gelebt, COST hat mit zwölf Jahren diesen Weg begonnen, aber Tagno hat COST vergessen, hat ihn sogar eine zeitlang verabscheut. Er wurde reanimiert, weil man seine Wurzeln oder das was man liebt nicht verleugnen darf, sondern das Naive und Essentielle immer aufs Neue wiederbeleben muss. Aber vor der Reanimation kommt die Zerstörung dessen, was man aufgebaut hat. Ich kann mich gegen Einflüsse von Außen nur schwer zur Wehr setzen. In diesem Wald von Wirkungen vergesse ich manchmal, was ich wirklich liebe und wo ich herkomme. COST und Tagno waren so verschieden, dass sie sich meistens gezofft haben. Jetzt sitzt COST mit Tagno am Tisch. Wenn Tagno jetzt in den Kunstbetrieb geht, verneint er nicht mehr, dass Tagno ein Writer ist.

Wann hast du angefangen dich mit Kunstgeschichte zu beschäftigen?
Mit fünfzehn Jahren etwa. Viele Writer interessieren sich nicht für Kulturgeschichte, was Writing auch nicht geschadet hat. Writing ist für mich wie ein geschlossener kunsthistorischer Raum. Bestimmte Elemente, Designs oder Formen sind oft Zitate von Writern, die man kennen muss. Der Kunstbetrieb setzt das genauso voraus. Ich nehme mich selbst, wie auch andere Writer als Teil von Kunstgeschichte war. Writing ist introvertiert, gewalttätig, expressionistisch, egoistisch, hedonistisch, animalisch, Kunstbetrieb ist meistens geschlossen und das Publikum „kultiviert“. COST ist nicht reflektiert, sondern emotional. Tagno ist dann 1993 ins Spiel gekommen, da hieß er noch Techno und war eine Art Werbestrategie. Der wollte gegen den Strom schwimmen und um jeden Preis anders sein. Aber das führt nicht zwangsweise zu etwas Neuem.

Was ist die Seele von Graffiti – speziell von deinem Graffiti?
COST hat Seele. Die Seele von Graffiti liegt definitiv jenseits aller Uniformität, wie sie im HipHop schon seit langem vorhanden ist. Seele heißt für mich, man muss machen, was man machen muss. Graffiti kriegt ja nur eine Seele durch Individuen die aktiv und ohne Angst nach sich selbst suchen und ihr selbst in die Form von Schrift einbetten.

Mare 139 sagt in seinem Beitrag, dass er sich mit seiner Arbeit heute in einem unerforschten Raum wieder findet. Wie geht es dir?
Tagno befindet sich als Suchender auch in einem unerforschten Raum. Tagno hat im Gegensatz zu COST seine Formel noch nicht gefunden, COST hat diese vier Buchstaben, die wie vier Figuren oder Charaktere in einem Bild funktionieren. Tagno beschäftigt sich mit der Geschichte von Schrift. Die Traditionellen haben sich einer Sache verschrieben und streben dort nach einer Art Erleuchtung durch Perfektion ihrer Disziplin. Traditionelles Stylewriting scheint wie der ungeschriebene Kodex eines Shaolinklosters in dem die Mönche täglich immer und immer wieder Rituale vollziehen, um dem Licht näher zu kommen. Wenn einem dieser Rahmen nicht mehr ausreicht, befindet man sich zwangsläufig in einem unerforschten Raum. In NY war Graffiti für viele Writer schon Ende der 80er gestorben, nachdem man keine Züge mehr bemalen konnte. Aber einige haben sich umgeschaut, was man sonst noch machen kann und befanden sich somit bereits in einem unerforschten Raum.

Warum denkst du hat Berlin diese besondere Rolle für Graffiti in Deutschland oder sogar Europa? Spielen die sozialen Verhältnisse oder die Ost/West Konstruktion eine Rolle?
Als ich Ende 1989 nach Berlin gekommen bin, konnte ich es gar nicht fassen, was hier los war. Eine alte, heruntergekommene, rostige und erdige Stadt mit Geisterbahnhöfen und Trains, bei denen man während der langsamen Fahrt die Türen aufmachen, abspringen und dort Pieces mullern konnte. Berlin hatte nachts diesen warmen und schummrigen Flair durch die Nachkriegsstraßenbeleuchtung. Und der Straßenkinder Vibe war hier immer präsent. Berlin war nicht immer nur angenehm, aber es gab dieses krasse, lodernde Feuer, das tief in seinem Inneren brannte. Das Gefühl, das Berlin als Stadt vermittelte, hat viele beeinflusst – nicht nur Writer. Ende der 80er Anfang der 90er war Berlin noch eine richtige Drecksstadt, im Kleinen vielleicht so wie es im New York der 70er war, als Writing aus den Häuserschluchten der Ghettos gekrochen ist und sich ausgekotzt hat! Heute wird auch hier alles immer edler und wächst in Richtung Geld und Sauberkeit. Als Writer in Berlin kann man leben und machen – noch!

Wie wichtig sind dir die nicht-kommerziellen Aspekte am Writing?
Allumfassend, denn das macht ja alles aus am Writing. Writing ist nicht-kommerziell, das ist das allerwichtigste daran. Es steht im krassen Gegensatz zur Werbung und wirbt gleichzeitig nur für eine Person ohne Geld zu verlangen, da es nicht um ein Produkt hinter dem Namen geht. Ganz im Gegensatz zu Street Art ist Writing nicht kommerzialisierbar. Alle sind scheinbar davon überzeugt, dass Writing auf dem Kunstmarkt genauso angekommen ist, wie die figurative Street Art. Aber welcher Writer hat in den letzten Jahren Preise auf dem Kunstmarkt wie Swoon oder Banksy erzielt?

Warum will Tagno in die Kunstszene, weil man erwachsen wird?
Wo bewegt sich meine Arbeit hin, wenn ich mich dafür entscheide ausschließlich davon zu leben? Und führt diese Fragestellung zwangsläufig vom Dieb zum Diener? Es gibt keine Argumente für die Galerie, aber ein Gefühl dass ich malen muss. Deshalb muss ich sehen, wo ich mit meinem Output bleibe. Ich habe es immer gehasst, wenn Oldschool Writer gesagt haben, Bombing ist was für Kids. Das ist es nur, weil man mehr Zeit hat, noch besser laufen kann und die Strafverfolgung geringer ist. Der Lifestyle ist Hardcore und ein ganzes Leben lang einfach schwer durchzuhalten. Auf die Straße zurückzukehren ist immer eine Hintertür die offen steht. Aber niemand will sein ganzes Leben lang, in dem gleichen Karussell fahren.

Wie ist dein Weltbild – eher düster oder optimistisch? Warum?
Eher düster, aber es gibt ja nicht nur düster und optimistisch. Natürlich wollen wir alle ins Licht.

Was will Daniel, wenn Tagno und Cost sich zurückziehen?
Dann bin ich blind und mache Musik. Oder stehe kurz vorm abnippeln.

tagnos „labyrinth of demons“ auf youtube, oneliner 2006-2008

www.dokument.org

Text: Bianca Ludewig 2007/2008
Fotos:Aus Writing Memory/Dokument Förlag; Tagno

Erscheinen in Non Stop #22, Sommer 2008

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