K.I.Z. Portraits

Text: Bianca Ludewig (Silyan & Maxim)/ Alexander Kempf (Nico & Tarek)
Fotos: Chris Voy

Erschienen im Backspin HipHop Magazin #87, 2007

DJ Craft*Silyan:

Mein intensivstes Projekt ist seit 2000 K.I.Z. – vorher war ich mit Maxim zusammen in einem Nu-Metal-Projekt, das hieß Instead. Maxim hat hauptsächlich auf Französisch gerappt und wir waren dann auch in Frankreich auf Tour. Nach fünf Jahren ist das ganze dann im Sande verlaufen. Um mich mehr auszulasten, habe ich noch das Jazz/Funk Projekt S.E.K gemacht – mit Polen und Deutschen, dadurch hatten wir auch Auftritte mit K.I.Z. Feature in Polen. S.E.K löste sich dann auf und vor drei Jahren kam das Rotfront Projekt. Das ist russisch-ungarische Klezmer Musik mit zehn weiteren Sängern & Vokalisten. Rotfront ist eine unglaubliche Live-Band, Musik zum Trinken und Abgehen. Ich selbst spreche fließend Ungarisch und sample dabei Parts der Texte, die ich wieder in die Live-Musik einscratche. Zusätzlich mache ich noch das Soundsystem Body-Rock Berlin zusammen mit anderen DJs und einem MC, wir mischen Reggae mit HipHop, aber auch Elektro oder Grime. Sonst gebe ich noch HipHop-Workshops an Schulen. Ich scratche auch für andere Rapper wie MC Bogy oder Belasch. Letztes Jahr habe ich bei dem Projekt HipHopera an der Komischen Oper in Berlin mitgemacht, es ging darum Jungendliche aus allen Schichten zusammen zu bringen und eine Oper auf die Beine zu stellen. Das war sehr anspruchsvoll. Bald mache ich eine Solo-Platte mit vielen Künstlern aus Deutschland. Ich habe nicht geglaubt, schon so weit zu sein – ich bin ja mit 21 Jahren noch ziemlich jung, aber nachdem mich so Viele ermutigt haben, werde ich es wagen.

Bei K.I.Z. bin ich eben der DJ, ich produziere nicht, ich habe noch nicht einmal einen Rechner, nur Platten und einen CD-Scratcher – damit habe ich auch das Böhse-Enkelz-Mixtape gemacht. Da hatte ich mal mehr zu tun, als bei den Album-Produktionen. Beim neuen Album habe ich Hooks und Sounds gescratcht oder musste auch mal mit ins Mikro grölen. Bei K.I.Z. mache ich zwar am wenigsten, aber ich bin auch eine Art Erdung für die Gruppe. Ich kann nicht Rappen, bringe aber immer die schlechtesten Sprüche. Am besten gefällt mir raptechnisch gerade Nico, Maxim muss wieder doper werden und Tarek könnte noch deeper und intelligenter rappen, denn das ist seine Stärke. Ich bin gerade sehr auf mich selbst fixiert, um mein eigenes Leben auf die Reihe zu kriegen, aber kümmere mich auch um meine Freunde. Unter vier Augen unterhalten wir uns intensiv. In einer Freundschaft ist es wichtig, dass man sich viel erzählt, sich vertraut und sich um einander kümmert. Ich werde bald mit Tarek zusammen ziehen – worauf ich mich sehr freue, denn ich liebe ihn. Maxim hatte ich auch schnell ins Herz geschlossen. Er ist der Aktive, er nimmt einen mit zum Thai-Boxen oder Ringen. Aber oft ist Maxim auch der, den ich um Rat frage. Ich finde ihn sehr reif, weil er nie klugscheißt. Nico mag ich ebenfalls sehr gerne, aber zwischen uns ist immer eine gewisse Distanz. Die aber auch nicht störend ist. Weil ich mein Abitur zweimal nicht geschafft habe, hatte ich viel Stress mit meinen Eltern und da waren alle Jungs für mich da. Es war eine schwierige Zeit, wo ich meine Eltern auch belogen habe, was sie verletzt hat. Danach wollten sie mich nicht mehr sehen. Inzwischen darf ich meine Eltern wieder besuchen. Momentan möchte ich mich mehr um meine Freundin kümmern, denn die braucht mich gerade.

MAXIM:

 

Nico will immer sehr viel Verantwortung und kriegt sie auch. Ich bin dafür zu verpeilt, allerdings nicht genug um zu sagen, dass ich jetzt meinen Freiraum brauche und ihn mir dann auch nehme. Tarek ist mehr so der Künstler, der sich nicht um die weltlichen Dinge kümmert. DJ Craft schätze ich menschlich sehr. Wenn man krank ist kommt er vorbei und kümmert sich. Er ist eine wirkliche Atze, das gibt’s nicht oft. Er hat es im Leben nicht leicht gehabt und trotzdem seinen Weg gemacht, dazu gehört Stärke. Er hätte auch Junkie werden können, ist aber das Gegenteil geworden. Ich brauche sehr viel Aufmerksamkeit und muss immer irgendwas machen, weshalb ich viel Sport treibe, das finden andere oft nervig. Rumsitzen und warten ist das Schlimmste für mich. Beim Rappen bin ich sehr aggressiv, da kann ich meine Unruhe und Unausgeglichenheit rauslassen. Damals hat man mir auch ADHS attestiert. Aber meine Eltern sind ökomäßig drauf, weshalb ich kein Rethalin bekommen habe. Aber praktisch gesehen, ziehe ich oft Vorteile daraus. Ich bin dann auch mal kreativ und witzig. Das mögen die Frauen. Grundsätzlich bin ich ein sehr körperlicher Mensch. Deshalb habe ich eine Ausbildung zum Physiotherapeut gemacht. Nico hat gesagt, ich sei viel hasserfüllter geworden – aber ich schlucke jetzt einfach weniger runter. Ich habe zwei Schwestern, die sind beide geistig behindert. Meine Schwester, mit der ich zusammenwohne, ist vor einigen Jahren erblindet. Und das alles macht die Beziehung zu meinen Eltern nicht leichter. Man entwickelt ein anderes Verhältnis zu seinen Eltern, da man nicht nur Kind sein darf, sondern auch Verantwortung tragen muss. Man wird nicht nur erzogen, man erzieht auch und sieht seine Eltern oft in Situationen, wo man sich fragt wer Kind und wer Erwachsener ist. Dafür hasse und liebe ich sie.

Ich verabscheue diese typische Antisemitismus-Debatte, denn dabei wird immer der gesamte Widerstand gegen den israelischen Angriffskrieg und die amerikanische Besatzungspolitik in die antisemitische Ecke gestellt. Das macht den ganzen Widerstand sinnlos. Und etwas mit dem Holocaust zu vergleichen bedeutet doch nicht zwangsläufig, ihn zu verharmlosen. Für die Iraker ist der Irak natürlich das Schlimmste und warum sollen sie das nicht vergleichen, für sie ist der Irak-Krieg etwas ganz grausames. Ich finde es pervers, wenn man versucht das Leid bei persönlichen Schicksalen aufzurechnen. Wie deine Geliebten gestorben sind ist doch völlig einerlei, was ist das denn für eine Diskussion. Man sollte sich über den Nutzen von Geschichtsunterricht Gedanken machen. Europa hat erst reagiert als der zweite Weltkrieg begann. Darüber haben sich im Unterricht dann alle lustig gemacht, wie blöd Europa war. Aber jetzt macht Deutschland doch genau das Gleiche, wenn wir im Kosovo Bomben auf Schulen werfen, die USA mit Stützpunkten oder Überflugsrechten im Irak unterstützen oder bei ihrem geplanten Angriff auf Afghanistan – mit Begründungen die inzwischen alle als falsche Behauptungen erkennen. Ich lese viel. Momentan wieder „Haben und Sein“ von Erich Fromm. Denn wenn ich alte Klassenkameradinnen treffe, die außer mir alle studiert haben – ist es hilfreich für philosophisch-erotische Gespräche; da ist Erich Fromm Pflichtlektüre. Ich finde ihn aber auch wirklich gut, er schreibt so verständlich.

NICO:

 

Ich dachte Andre 3000 gehört gefrontet, darum habe ich mich früher Euro 8000 genannt. Als ich aber erfahren habe, dass der homosexuelle Matrose bei der skandinavischen Speedmetalband Turbonegro, die gerne in SS Klamotten auf der Bühne steht, Euroboy heißt, dachte mir ich sollte den Namen lieber ablegen. Jetzt nenne ich mich wieder Nico. Bei uns tragen schließlich alle ihre wirklichen Namen und ich heiße ja nicht Hans-Jürgen Wussow. Dieses Ich-trag-ne-große-Mütze-Hip-Hop-Ding und bin Grandmaster-Irgendwer-Gehabe ist mir mittlerweile auch etwas zu affektiert. Natürlich bin ich eitel und gucke gerne in den Spiegel, trage aber auch Hahnenkamm und Motörhead T-Shirt. Ich bin eben nicht der Standard Hip-Hopper von nebenan. Angefangen hat bei mir alles in der sechsten Klasse, als ich eine CD vom Wu-Tang Clan bekommen habe. Seit „Enter the 36 Chambers“ bin ich ein großer Fan von Ol‘ Dirty Bastard. Wenn ich keinen Hip-Hop höre, läuft bei mir Manowar oder die Ärzte. Außerdem mag ich die Terrorgruppe, eine Punkband aus Berlin.

Aufgewachsen bin ich hier im psychiatrischen Todesghetto Berlin-Hermsdorf in einem Einfamilienhaus. Mein Vater und meine Mutter würden sich heute nicht mehr zusammen an einem Tisch setzen. Meine Mutter meint außerdem, dass das mit der Musik Quatsch sei und ich etwas Vernünftiges machen sollte. Mein Vater hat mir irgendwann mal eine SMS geschickt, als wir in der BZ standen. Ich habe nicht mehr viel Kontakt zu ihm. Dafür hört sich mein Stiefvater die Musik ab und zu an und gibt mir Tipps. Er meinte wir sollen „Beim ersten Mal tut es noch weh“ von Hans Albers samplen. Vielleicht machen wir das auf Böhse Enkelz 2. Doch Albers ist Hamburger und eigentlich geht das nicht klar.

Solariumgänger bin ich nicht. Das täuscht. Mein Kopf ist einfach sehr gut durchblutet. Das habe ich von meinem Opa geerbt. Der ist am ganzen Körper rot, genau wie ein Indianer. Ernsthaft! Ich habe zwar früher viel gelogen, mir das Lügen aber in der neunten Klasse abgewöhnt. Zugegeben, in meinen Texten flunker ich teilweise noch. Zum Beispiel wenn ich sage, ich würde eine Fernbeziehung führen, weil mein Schwanz so lang sei. Ich glaube K.I.Z. sind trotzdem authentisch.

Neben der Musik studiere ich Soziologie. Damit verdiene ich jedoch kein Geld, sondern zahle drauf. Meine Studienwahl erfolgte nach dem negativen Ausschlussverfahren. Ich fand alles Andere kacke, wollte aber meinen Kopf wieder anstrengen. Ich habe zuvor zwei Jahre in einem Keller Löcher in Aluminiumplatten gebohrt und gemerkt wie ich geistig abgebaut habe. Ein unglaublicher Ficker bin ich deswegen nicht. Vor einem halben Jahr habe ich meine dreijährige Beziehung beendet. Davor gab es ein paar Frauen. Ich habe übrigens noch vor dem ersten Sex Westberlin Maskulin gehört und konnte anschließend zwischen meinem Leben und einer Musikkassette sehr gut unterscheiden. Bei unseren Texten ist der Sarkasmus sehr wichtig. Dass sie jemand in den falschen Hals bekommen könnte glaube ich nicht.

TAREK:

Ich scheiße auf dieses Verbrüdern unter Schwarzen. Ich mag so etwas nicht. Wenn Du ein Arschloch bist, dann bist Du ein Arschloch. Warum irgendjemanden „Brother“ nennen? Das finde ich einfach nur peinlich. Sich untereinander zunicken? Das ist doch lächerlich! Ich habe niemanden mit dem ich schon im Sandkasten gespielt habe und zudem ich noch heute Kontakt habe. Niemanden dem ich heute Lieder singen oder Texte widmen könnte. Ich war immer ziemlich auf mich gestellt. Ich denke es ist auch nicht leicht mit mir zusammen zu sein. Ich habe mich gerade gestern von meiner Freundin getrennt. Ich bin kein sonderlich geordneter Mensch, ich bekomme mein eigenes Leben kaum auf die Reihe. Vielleicht ist das der Grund, warum es aus ist.

Natürlich geht es Anderen immer schlechter, aber mir ist es scheißegal, ob irgendjemand in einer Favela in Rio de Janeiro krass gelitten hat. Wenn Du Dich die ganze Zeit nicht zu Hause fühlst, deinen Vater nicht kennst und Du nie besonders viel Geld hattest, dann hast Du Wut in Dir. Sicherlich resultiert diese auch aus meinen eigenen Schwächen. Ich fühle mich schnell angegriffen, bin sehr dickköpfig und behalte gerne Recht. Darum ist da der Hass, wenn ich Texte schreibe. Es ist eben leichter ein Abschiedslied zu schreiben als ein Liebeslied. Ich habe noch nie ein Liebeslied gemacht, aber schon fünf über Trennung. Diese sind nur noch nicht raus gekommen.

Ich denke die beste Kunst resultiert aus der Unzufriedenheit und ich bin unzufrieden mit der ganzen Scheiße, die in Deutschland so veröffentlicht wird. Ich habe natürlich sehr viele konkrete Menschen im Kopf, wenn ich Texte schreibe, verspüre aber kein Bedürfnis deren Namen zu nennen. Was bringt mir das? Die Leute, die ich wirklich treffen möchte, die merken das auch durch die Blume. Nicht ohne Grund sind wir in einer sehr isolierten Position und bekommen nicht von jedem Featureanfragen. Viele trauen sich nicht, weil sie von uns bereits indirekt gedisst wurden. Beim Battlen gilt für mich dann das Kriegsrecht. Und da man das Neandertaler-Gen eines Mannes am Besten über die Frau treffen kann, ist es schon seit Jahrtausenden Gang und Gebe über die Frau des Gegners herzufallen. Wer ist der Träger der Ehre, wie die Türken so schön sagen? Für einen Mann ist das nun mal die Frau.

Meine Eltern sind noch sehr jung, die verstehen meine Texte. Ich habe auch sehr viele starke und dennoch weibliche Frauen in meiner Familie. Meine Tanten sind ein sehr gutes Vorbild, sie sind keine Emanzen und ziehen trotzdem ihr Ding durch. Ich selber hätte mir etwas weniger Zeit- und Erfolgsdruck für das Album gewünscht. Diesen Druck habe ich mir aber ausschließlich selbst gemacht. Oft schreibe ich meine Texte noch einmal um und verkopfe sie. Mein Part ist nicht in 15 Minuten geschrieben.

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